Netzfund: Denis Villeneuve – Next Floor (2008)

Kennt hier jemand La Grande Bouffe (dt. Das große Fressen)? Plotzusammenfassung: Leute fressen. Passt hier ganz gut, denn auch beim aktuell ganz großen Kanadier Denis Villeneuve (Prisoners, Arrival, bald Bladerunner) frisst sich eine Gesellschaft schön satt. Oh, und wie beim französischen Film da ist das ganze auch hier ziemlich düster, morbide, im ekligsten Sinne dekadent. Und dann kracht auch noch der Boden ein. Tatsächlich. Die Fressmannschaft fährt eine Etage tiefer. Und dann kracht auch noch der Boden ein. Ja, Villeneuve war 2008 ein ganz Experimentierfreudiger. Also mal angucken und meinem Blog wieder Hallo sagen. Lieben Dank auch an Jana für die Kurzfilmempfehlung, die ich mit diesem Eintrag also weiterleite.

Zum Zerdrücken niedlich

Mein Blog ist ja nicht nur auf böse Dinge ausgerichtet, sondern darf schöne Dinge auch einfach böse behandeln. Okay, so halb, denn eigentlich bleibt alles lieb gemeint. Weniger kompliziert gesagt und für viele sicher verständlich: Absolut süße, anregende Dinge sind manchmal so süß, dass man sie einfach zerdrücken will. Sei es eine kuschlige Katze, ein Kuscheltier, eine Person, die man gerne hat. All das könnte man fressen, zerquetschen. Eigentlich schon wieder keine schönen Worte. Aber irgendwie passt es auch. Schließlich sind diese Dinge kuschlig, weich, sollen einem nahe sein und man möchte spüren, wie sie nachgeben, wenn man nach ihnen greift. Andersrum und einfach gesagt: Ist es nicht befriedigend, wenn man das Geliebte richtig randrücken, ein bisschen eindrücken kann? In Taten, aber auch Worten, liebevollen Beschimpfungen: Diese doofen Dinger…!

Ganz nach diesem Motto und meiner eigenen Vorliebe nach habe ich zeitgemäß ein quietschwildes Instagramprofil in die Welt gesetzt, das Kitsch, überzogene Ideen nicht vermeidet, sondern wild darin badet, in Bild und Text. Die Aggressivität und Irrationalität, weil die Dinge so wunderbar niedlich sind. Den Anfang machen Kuscheltiere, mal sehen, was noch folgt.

2016-04-15 17.07.59
Herr Fratel und Hörnchen können sich gut leiden. Manchmal beißt Hörnchen das fratelteil jedoch.

Media Monday #298

Den Media Monday habe ich natürlich nicht vergessen. Allerdings will ich meinen Blog auch nicht jeden Montag damit zuspammen, sodass letztlich jeder zweite/dritte Beitrag daraus besteht. Aber jetzt mal wieder…!

1. Ein wenig habe ich das Gefühl, dass in letzter Zeit kaum aufregende Musik rausgebracht wird. Zwar kocht die globale Lage ordentlich auf, aber die wirklichen Reflexe darauf bleiben aus. Nicht mal eine harsche EP darf sein. Dabei sollte man echt wütend sein.

2. 90% aller Horrorfilme sind so vorhersehbar, dass es nur noch nervt. Ich habe ja echt kein Problem mit (liebevollem) Fanservive, aber wenn die x-te Horrorkomödie mit Zombies rauskommt (jetzt neu: Zombies auf Ibiza und in Lederhosen), ist das nicht mehr so geil.

3. Seit geraumer Zeit bleibt mein Blogging ziemlich auf der Strecke, denn mir fehlte echt die Inspiration, aber jetzt kommt sie so langsam wieder. Schon zwei Beiträge stecken in der Röhre und werden bald rausgeballert.

4. Agent Cooper sticht bei den Kriminalermittlern für mich deutlich hervor, weil er ein süßer, einfühlsamer, gewitzter Mann ist, der diese Logikscheiße des Krimigenres zugunsten skurriler Ermittlungsmethoden auch mal sein lässt. Ja, ich freue mich auf die neue Staffel von Twin Peaks!

5. Wenn es um das Thema Fantasy geht, bin ich doch etwas skeptisch. Immer der gleiche generische Scheiß. Und anders als beim Horrorgenre wird es nicht mal spannend.

6. Spring Breakers ist inhaltlich reichlich mager, allerdings wird über die Bilder enorm viel miterzählt oder soll ich sagen mitsuggeriert? Ein ziemlich eindrücklicher Film, der all die netten Erzählfilmonkels der Arthouseecke ordentlich wegballert.

7. Zuletzt habe ich Nymphomanic (1) gesehen und das war inspirierend, weil es Lars von Trier tatsächlich schafft, das Thema der Sexsucht kulturell und philosophisch tiefgehend zu behandeln ohne Tempo und Witz zu verlieren. Echtes, gutes Intellektuellengewichse.

Leergeräumt / Cormac McCarthy – The Road (2006)

Cormac McCarthys hochgefeierter Dystopie-Roman The Road passt gut in unsere Zeit, die irgendwie eine Wendezeit ist und gruselige Aussichten auf eine mögliche Zukunft bereithält: Werden wir bald Zeugen neuer globaler, möglicherweise nuklearer Krisen? Die Protagonisten in McCarthys Roman haben eine solche Zeit schon hinter sich. Ein Mann und sein Sohn ziehen mit ihrem Einkaufswagen über die Straßen einer vollends ausgeräumten Zivilisation. Alles ist karg, verkohlt, ruinenhaft. Fast niemand scheint überlebt zu haben. Oh, was denn überlebt? Wird nicht klar, denn McCarthys Roman verweigert klug jegliches Lösungs- und Sinnpotential. Eine Welt, die endgültig fertig mit sich ist, bietet keine fertigen Strukturen mehr, weder vor Augen noch im Kopf. Da bleiben lediglich die Straßen, die man irgendwie, natürlich ziellos abläuft. Man bleibt am Leben und das nichtmal, weil man nicht sterben will, sondern… einfach so. Wieder keine richtigen Erklärungen.

In äußerst naturalistischer Manier beobachten wir die beiden Individuen beim Zelten, Nahrungsammeln und ihren sporadischen, kurzen Gesprächen, die meist zur Absicherung dienen: Bist du dir sicher? Ist es das wirklich? Und die Antworten: Ja, ja – weiß nicht. Alles ziemlich depriminierend. Immerhin versucht der Vater noch seinen Sohn von all den schrecklichen Überresten der Welt zu isolieren, trotz eigener Desillusionierung. Und da gibt es viel: Angefressene Kindskadaver, verkohle Leichen, zerstörte Lebensräume. Indem McCarthy die Handlung extrem elementar und von großen Sinnkonzeption fernhält, gibt er dem Leser ein gutes Gefühl für so eine mögliche, ausgeräumte Welt. Nicht immer einfach zu lesen, nicht selten zehrend. Lediglich gegen Ende kann sich McCarthy einige abrupte Metaphysikspielereien nicht verkneifen, die sich zwar verheißend, aber doch etwas aufgepfropft lesen. Zuvor pure Dramaturgielosigkeit. Vor einer solchen entsättigten Welt dürfen wir Kontext- und Informationswesen alle Angst haben.

Vergewaltigung mal anders / Paul Verhoeven – Elle (2016)

Gut, manchmal darf im Kino auch Vergewaltigung sein. Soll ja auch die Realität abbilden. Aber wie soll die dann am besten aussehen? Okay, hart, ungeschönt – ist ja auch nichts Schönes. Aber auch ziemlich traurig im Nachhinein. Die Figuren müssen traurig, fertig sein, man muss echt Mitleid mit denen haben.Und dann am besten eine mutige Abkehr von dieser schrecklichen Realität (und deren Darstellung). Genau. Ja, und dann kommt Elle und fegt das alles zur Seite.

Protagonistin Michèle geht mit ihrer Vergewaltigung ganz anders um. Teilweise gar nicht: Sie lebt als toughe Frau einfach ihren Alltag weiter. Und teilweise offensiv: Sie will die von ihr designten Computerspiele in ihren sexuellen Vergewaltigungsdarstellungen gerne noch orgiastischer haben. Überhaupt scheint die Vergewaltigung, trotz ihrer Schrecklichkeit, für sie auch etwas subtil Erregendes zu haben. Die Fantasien des Vergewaltigers spielen letztlich sogar in ihr Sexualleben. Also ganz klar ein geiler, frauenfeindlicher Film (natürlich von einem Mann gedreht)?
Paul Verhoeven kann man vorhalten, dass er die Vergewaltigung mit seinem schwarzhumorigen Umgang relativiert, in jedem Fall irritierend konsumierbar macht. Daran ändert auch die hart und abrupt brutale Darstellung des Überfalls auf Michèle wenig. Andererseits ermöglicht der Film durch seinen Humor auch einen Ausweg aus der ständigen Opferrolle der vergewaltigten Frau. Hier kann sie selbst entscheiden, ob sie Opfer ist und wird durch den eindringenden Mann nicht in eine passive Rolle gedrängt. Ihr bleibt es, ihr Leben zu gestalten. Und zwar nicht in mutiger Abkehr, sondern in mutiger Konfrontation. Dass eine solche Konfrontation mit einem konfrontativen Thema zwangsläufig auch den Zuschauer konfrontiert und ihn aus seiner Rape-Comfortzone zehrt, macht diesen Streifen dann schließlich auch besonders schmackhaft.

Prachtvoll daneben / Gore Verbinski – A Cure for Wellness (2017)

Nach M. Night Shyamalans Split kommt nun die nächste filmische Flachzange. Dabei schätze ich Gore Verbinski als Regisseur kuschliger Fantasywelten wie der von Pirates of the Caribbean eigentlich sehr. Na ja, ich war auch ebenso unsicher, ob sich derselbe Mann an einem großzügig ausgestatteten, sicher ambitionierten Horrorfilm wie A Cure for Wellness versuchen sollte. Aber die Promo versprach einiges und zunächst wirkte der Film auch wenig blockbusterweichgespült. Obskure Symbole, merkwürdige Figuren, wunderbare Kulissen. Der Film zeigt einen Wallstreethai, der einen Mitarbeiter aus einem Sanatorium in den Schweizer Alpen holen soll, um mit dem einen Börsendeal abzuwickeln. Nur ist dieses Sanatorium äußerst merkwürdig und bald ein sehr gefährlicher Ort. Niemand soll von dort entkommen. Das klingt ein bisschen nach Shutter Island, Der Zauberberg und tatsächlich erinnert der Protagonist (Dane DeHaan) schon ein bisschen an den lieben DiCaprio und bald sieht man auch das Buch von Thomas Mann in den Händen einer Figur.

Okay, soweit ist der Film spannend angelegt und traut sich durchaus, den Zuschauer mit abrupten Szenen und Unerklärlichkeiten zu konfrontieren. Das auch mit einer Selbstverständlichkeit und Überzogenheit, die durchaus Exploitationcharme versprüht. Beispielsweise hängt der Protagonist gerade in einem therapeutischen Wassertank, als sein Betreuer von einer hinterhältig wirkenden Betreuerin besucht und zum Masturbieren eingeladen wird. Gleichzeitig sind plötzlich Aale im Wassertank, aber niemand hört nun den schreienden Protagonisten. Solche Szenen verschrecken natürlich den, der ein Horrorepos vor prachtvoller Kulisse erwartet, mich haben sie in ihrer Schratigkeit aber angenehm überrascht. Nur leider kippt diese Schratigkeit und Over-the-Topness bald in sehr klischeehafte Darstellungen, während der Film ernst und gerade auf seine Laufzeit hin sehr behäbig bleibt. Am Ende ein sehr unentschlossener Hybrid aus prachtvollem Horrorschinken und exploitationhafter Horrorgroteske… ach, und die kuschligen Fantasywelten voller Blubbermonster bekommt man schließlich auch noch geboten. Wir sind hier ja bei Gore Verbinski. Och manno.