Der Mensch in chemischer Offenlegung

Gerne, gerade gegenüber Tier und Pflanze, behauptet der Mensch seine Überlegenheit. Die rührt für ihn ganz deutlich und auch innerlich nachfühlbar aus dem grenzenlosen Selbst- und dann auch Weltbewusstsein her, das ihn auszeichnet, qualifiziert und stets auch selbst repariert. Das ist aber falsch und basierend auf dem eigenen, durchweg begrenzten Bewusstsein auch fahrlässiger und willkürlicher Natur. Der Mensch öffnet sich dem Chemischen der gesamten Welt wie jeder andere Organismus. Abgrenzungen sind erdacht, aber niemals wirklich. Darum kann er sich eben nicht von der feinen Luft, dem harten Gestein, dem Fell des lieben Haustieres scheiden. Verschiedene chemische Massive mag man da erkennen, das mag auch fein sein. Tatsächlich aber ist die bewusste Spaltung in Innenwelt des Menschen und Außenwelt des Fremden absolut konstruiert und ohne jede greifbare Basis.
Also das Ungreifbare, Unbewusste Thema werden lassen! Vor dem Konstrukt „Welt“ werden Unsicherheit und Angst des Menschen offenbar, aber auch die Verbindungen, die Welt und Mensch stetig zusammenwerfen. Es ist ein einziges Schwingen und Schwimmen im Naturball. Darin, darüber und eins sind Mensch, Tier und Pflanze.

Dergestalt / Fabian, 2015.

Sexismen

Üblicher Sexismus: „Du bist eine Frau, du solltest nicht alleine nach Hause gehen. Ich gehe mit.“
Religiöser Sexismus: „Du bist eine Frau, du solltest nicht alleine nach Hause gehen, denn dein Körper muss vor Ungläubigen bewahrt werden. Ein Kind darf nur ich dir machen. Ich gehe mit.“
Nationalistischer Sexismus: „Du bist eine Frau, du solltest nicht alleine nach Hause gehen, denn dein Körper gehört unserem Volk. Kein Ausländer soll sich an dir vergehen. Ich gehe mit.“
Intellektualistischer Sexismus: „Du kannst dich der Tatsache nicht verschließen, dass dein Körper als weiblich zu klassifizieren ist. Es ist auch Tatsache, dass Frauen übermäßig oft auf dem Heimweg attackiert werden. Es wäre unverantwortlich, dich alleine gehen zu lassen.“
Gewaltfreier Sexismus: „Ich erkenne dich als Frau und denke, dass es Frauen in dieser Welt nicht leicht haben. Ich will dir meine Hilfe anbieten. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass jemand in dieser Welt mit dir geht.“
Romantischer Sexismus: „Ich gehe mit dir, komme was wolle!“
Surrealistischer Sexismus: „Eine Frau geht nach Hause. Ein Mann kann nicht anders. Ein Mann vergeht sich mit ihr.“

Dergestalt / Fabian, 2019.

Aufwärmübung für das EINSAMEN-Theater

„Entschuldigung?“ mit der Antwort „Nein“. Ein Lachen für verschiedene Anlässe. Werbung als Preis des Kolonialismus. Ein Zacken als Fortführung des ewigen Teppichs. Trommeln ohne Unterpfand. Ein Arzt, krankhaft bedingt. Zucker in Röhren.
ARZT (keuchend): Warum?
„Nein“ mit der Antwort „Entschuldigung?“. Ein Anlass für verschiedenes Lachen. Kolonialismus als Preis der Werbung. Der ewige Teppich als Fortführung eines Zackens. Unterpfand ohne Trommeln. Ein Arzt, krankhaft bedingt. Zucker in Röhren.
Im Fenster flackert noch Licht. Einer hat es eingefangen. Im Dunkeln färbt sich ein Fisch. Der Arzt hinter trauriger Angel. Farbenfroh sein Gewissen.
MEIN FREUND: Darf ich bitten?

Dergestalt / Fabian, 2011.

Buddha und der Beat – Zu Jack Kerouacs „The Dharma Bums“ (1958)

Die Kunst sucht sich Ekstase, Schwirren, manchmal sogar einen Beat. Und wer hat den Beat in den 50ern in die Literatur gebracht? Klar, Jack Keruac. Nur war der nicht bloß wild-romantischer amerikanischer Dichter, sondern auch stiller Buddhist, wollte es zumindest sein. Davon zeugt in jedem Fall sein Roman The Dharma Bums. Wie schon im Klassiker On the Road fiebert der Protagonist hier einem Idol hinterher. Diesmal ist es aber kein lebensgeiler Dean Moriarty, sondern der launenhafte Bergsteiger und Hobby-Buddhist Japhy Ryder. Zusammen erproben die beiden eine Mischung aus künstlerischer Ekstase und der Suche nach Nirwana, stiller Selbstgenügsamkeit.
Für mich mindestens interessant, mehr noch herausfordernd. Denn das ständige Überbieten, das Kunst für mich bedeutet, das ständige Hinterfragen und Auflösen passt ideal zu manchen Zugängen des Buddhismus, etwa zum Zen, der auf spielerisch-kreative Weise immer wieder die Herausforderung sucht. Gleichzeitig bleiben aber auch Widersprüche: Genügsamkeit, Stille und Verharren, vor allem das Wertungslose wollen nicht so ganz mit dem Begriff einer wilden, provozierenden Kunst. Den großen Karneval, den wir um unsere Existenz veranstalten, sieht der ruhige Blick des Meditierenden ohne Anteilnahme, die Kunst hingegen stürzt sich regelrecht hinein. Oder gibt es eine Kunst, die sich hier besser eignet? Im Falle Keruacs sind die unmittelbare Naturbegegnung und das Gebet die letzten und intensivsten Mittel der Selbstfindung, so bringt uns The Dharma Bums schließlich auf einen einsamen Berg. Die Heimkehr des Protagonisten am Ende bedeutet die Rückkehr eines Geläuterten, einer der eigentlich nicht mehr zu schreiben, sondern vor allem zu leben braucht. Aber braucht das Leben die Kunst?

Dergestalt / Fabian, 2019.

Zur Überrealität!

Surrealismus bedeutet nicht die fantastische, vom Realen befreite Welt, sondern eine Welt, in der die Dinge im Realen verzerrt sind. Es ist ein Über-Realismus, der die Verfremdung noch inmitten des Gewohnten vornimmt. Hier sind es noch klare Örtlichkeiten, deutliche Begriffe, da werden sie schon merkwürdig schräg in ihren Proportionen. Die Bezüge zwischen Metaphorik und realer Welt verschwimmen auf diffuse Weise.
So muss man die Wirklichkeit attackieren! Man muss sie in den eigenen Elementen erfassen und noch tief in ihrer eigenen Substanz verfremden. Man muss die chemische Zusammensetzung unserer Welt erschmecken können, ehe man ihre Atome ein wenig verschiebt. Tut man das schließlich, entdeckt man auch, wie sich die Dinge verändern. Im grellen Gelb eines deutschen Ortsschildes etwa ergibt sich die Blutmischung eines kranken Kindes. Nur indem man die Stoffe der „eigentlichen“, realen Welt extrahiert, neu mischt, schafft man fundamental verunsichernde Situationen, die den nahen Schrecken, das Unheimliche heftig fokussieren. Irritierend wird das Irritierende erst, wenn man sich selbst halb darin befindet. Und Kunst muss irritieren.
Zur Überrealität!

Dergestalt / Fabian, 2015.

L S D

(Drei junge Männer auf einer Wiese. Leicht erhöhte Lage, guter Blick über Stadt, Land, Leute. Konsum der Droge Lysergsäurediethylamid auf Löschpapier.
Einige Zeit des Wartens. Die Wirkung setzt ein.)

JUNGER MANN: Spürt ihr was?
JUNGER MANN: Mein Kopf wird schwer.
JUNGER MANN: Mir wird übel.

(Rascheln im Wind. 10 Minuten vergehen.)

JUNGER MANN: Alter.
JUNGER MANN: Was?
JUNGER MANN: Alter. Ich.
JUNGER MANN: Hast du was gesehen? Ich habe nichts gesehen.
JUNGER MANN: Kennt ihr das, spürt ihr das?
JUNGER MANN: Siehst du was?
JUNGER MANN: Alter.

(Windstille. 15 Minuten vergehen.)

JUNGER MANN: Alter. Ich.
JUNGER MANN: Kennt ihr das?

(Es wird dunkel. Wind kommt auf. Es wird kalt. Die Zeit vergeht.)

JUNGER MANN: War das der Tod?
JUNGER MANN: Kennt ihr das?
JUNGER MANN: Wo ist eigentlich?

(Ein Zug fährt einige Meter entfernt, erzeugt Luftwirbel, lässt die Blätter rascheln.
Der Abend vergeht.)

Dergestalt / Fabian, 2019.