Narkotische Unruhen / Bret Easton Ellis – The Informers (1994)

Was willst du schon machen, wenn du reich bist?
Schlachten!, ist die Antwort in American Psycho.
Vergehen, jene in der Kurzgeschichtensammlung The Informants.

Mit Patrick Bateman brachte Bret Easton Ellis eine sonderbare Figur in die literarische Welt. Ein Yuppie, der nachts zum bestialischen Killer und Sadisten wird und es eigentlich auch tagsüber ist. Ein Debüt, das die oberflächliche High-Society bis zur leblosen Unerträglichkeit glanzpoliert und dann mit scharfen Waffen zerstört. Ein enorm bipolares Werk. Davon ist im Nachfolger The Informants kaum mehr etwas zu spüren. Auch hier ist es die Yuppiewelt, ebenso leblos und steril, aber mehr auch nicht. Die leise Verzweiflung, die Ellis in seinen vielen Kurzgeschichten immer wieder streift, hält nicht lange an, da das nächste Narkotikum schon zur Hand ist. Die absolute Abstumpfung, der eine Ausbeutung von Menschen und Ressourcen (muss das überhaupt getrennt werden?) vorausgeht, kennt keinen Weg zurück, kein Mitleid und vor allem keine Kommunikation. Jede Figur lebt vor sich hin, vereinsamt, seelisch, körperlich und überhaupt. Nur selten rüttelt etwas an den tauben Gliedern – man kotzt und es ist wieder vorbei.

Ganz ohne den überdrehten Irrealismus von American Psycho geht es aber auch hier nicht. Sinnbildlicherweise taucht auch ein Vampir auf, der als einzige Figur wirklich super drauf ist und hollywoodesk mit flotten Sprüchen um sich schmeißt. Er steht prototypisch für das attraktive Konzept des Aussaugens und Ausbeutens. Nur gibt es eben keine echten Vampire und sein Auftritt ist bald wieder vorbei. Weitaus deutlicher bleibt eine Episode in Erinnerung, in der Menschenhändler ein Kind entführen, in einer Kammer aufbewahren und schließlich töten müssen, da der geplante Deal nicht zustande kommt. Eine Grausamkeit, die im Kontext dieses narkotisch abwesenden Buchs besonders irritiert. Ellis ist ein Meister der Kontraste, auch in diesem weniger aufregenden, nichtsdestotrotz aber konsequent treffenden Werk.

Meine Beziehungen zu den Menschen hier sind nicht krampfig oder aufreibend, weil keiner größeren emotionalen Aufwand erwartet. Die Menschen hier sind nicht sehr risikofreudig – aber denk nicht, sie wären oberflächlich.

Bret Easten Ellis: Die Informanten. Aus dem Englischen von Clara Drechsler. Köln 2001, S. 162.

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Ficken statt Weltfrieden / Matias Faldbakken – Macht und Rebel (2005)

Matias Faldbakken ist ja so einer… Schon der erste Teil seiner Skandinavischen Misanthropie-Reihe The Cocka Hola Company war ganz darauf aus, viel Skandalpotential anzusammen, viel Dreck und Düsternis, nur um sie grotesk und witzig gegen die etablierte Gesellschaft zu feuern. In The Cocka Hola Company war es ein Pornobusiness, das subversiv die kulturellen Codes durcheinanderbrachte, im Nachfolger Macht und Rebel sind es, auch hier analog zum Titel, zwei Individuen, Macht und Rebel. Rebel ist von der Gesellschaft als ganzem extrem angepisst, hat aber kaum Kraft oder Motivation, dagegen aufzubegehren. Sein erster Widerstand besteht darin, Hitlerreden zu modifizieren, um damit irgendeinen Wandel zu bezwecken. Der intelligente Macht hingegen ist enorm engagiert im Erarbeiten gegenkultureller Konzepte und erkennt das Potential Rebels. Gemeinsam und mit zwei minderjährigen Geliebten setzen sie zum sadistischen Gegenschlag auf einen unliebsamen Kollegen an.

Macht und Rebel ist definitiv trashy. Die Figuren machen ständig nur Scheiß, alles und jeder ist irgendwie heruntergekommen und will sich letztlich vor allem aufgeilen. Ein ziemlich kaputter Gegenentwurf zur scheinbar wohlhabenden norwegischen Gesellschaft. Nur schafft Faldbakken daraus eben kein lethargisches Gesellschaftsportrait, sondern formt all die negative Kraft zu einem irren Programm. Überall lauern Traktate, Ideen, Konzepte, die beispielweise über verdrehte Markennamen zur subversiven Handlung oder gleich zu Gewalt, Pädophilie oder schlicht irgendwelchem asozialen Verhalten aufrufen. Der sade-artige Egoismus des vollkommen sinnbefreiten Indivduums wird bei Faldbakken zu einem fies-vergnüglichen Zirkus stilisiert, der manchmal ermüdend überladen, manchmal aber auch treffsicher drüber ist. Anders als sein bisweilen verzweifelter Vorgänger ist Macht und Rebel deutlich weniger ernst zu nehmen und daher kurzweiliger, wenn auch ein bisschen unnötiger. Wer auf Pulp, Trash, verkommene Sitten steht, wird aber vollends und kreativ bedient.

Houellebecq forever! / Michel Houellebecq – La carte et le territoire (2010)

Wenn Leben und Werk eines Autors so beieinander scheinen wie das im Fall Houellebecq nun mal ist, ist der nächste konquente Schritt natürlich eine, scheinbare, tatsächliche Zusammenlegung von Text und Leben. In Houellebecqs ambitioniertem Gesellschaftsroman La carte et le territoire ist Houellebecq selbst zwar nicht Protagonist, aber doch die zweitwichtigste Figur des Buchs. Der französische Künstler Jed Martin trifft dort nämlich auf den Schriftsteller Houellebecq, der das Vorwort zu seiner Ausstellung schreiben soll. Für den Autor Houellebecq ist das natürlich eine ideale Gelegenheit, die eigene Person über eine Zweitperspektive nicht nur weiter zu stilisieren, sondern so auch zu objektivieren. Houellebecq ist hier der von Selbstfeier und Selbstekel getriebene Lebemann, ein Künstler als echter Existentialist. Neben ihm verblasst der tatsächliche Protagonist Jed, der zwar ein erfolgreicher Künstler, aber doch eine eher unscheinbare Person ist. Als schließlich ein abartiger Mord geschieht, geraten die Dinge aber ein bisschen aus der Bahn.

Im Zentrum bleibt aber die Begegnung Jeds mit der Kunst(händler)welt von Paris mit all ihren Oberflächlichkeiten und schwälenden Konflikten. Jed wird von ihr zwar bewundert, findet aber nicht in sie hinein. Da ist eine grundskeptische, nihilistisch auftretende Person wie Houellebecq ein weit besserer Ansprechpartner und auch Mentor. Auf lakonisch-pessimistische Weise seziert das Buch alle Hoffnungen und lässt sie an wenigen Stellen auch morbide ausbluten. Gerade im Vergleich zu Houellebecqs Frühwerk bleibt der Roman aber wenig drastisch, eher resignativ bis melancholisch. Das Leid des Individuums an der unzureichenden Wirklichkeit bildet die Konstante. Neben dem Ego der Protagonisten werden andere Figuren, vor allem Frauen, dabei leicht zu Abziehfiguren. Das genüssliche Leid der narzisstischen Einzelperson verzerrt den Blick auf die Umgebung.  Bei aller clever gesetzten Gesellschaftskritik bleibt das Buch also auch hier vor allem eine Innenansicht des modern-geplagten, illusionslosen Menschen. Der Leser darf daher auch zweifeln, ob nun die Außen- oder Innenwelt kaputter ist. Sicher ist nur, dass das eine das andere bedingt und wir alle in diese beschissene Welt hineingeboren wurden und nur über den Tod wieder entrinnen können. In seinen ideenreichen Exkursen zu diesem Problem und weiteren rund um Sex und Tod ist La carte et le territoire wieder ein verlässlich zynischer, spannender Roman geworden, der sowohl zehrend-anstrengt als auch spritzig-böse unterhält. Wo Houellebecq bohrt, schaut der Leser gerne hinterher.

Bilder kamen ihm wieder vor Augen, und obwohl sein Sexualleben nicht gerade außergewöhnlich verlaufen war, waren es erstaunlicherweise vor allem Bilder von Frauen. […] Erinnerungen an weiche Brüste, gewandte Zungen und enge Scheiden kehrten zurück. Tja, so übel war das Leben doch gar nicht gewesen.

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Köln 2011, S. 413.

Henri Michaux – Plume, précédé de Loutain Intérieur (1938)

Ich will ja immer gern ein bisschen mehr Surrealismus in der Literatur, also wirklich sprunghaftes, abgedrehtes Zeug, ganz weitab der Logik. Klingt anarchisch, aber macht doch auch Freude. Mit Henri Michaux wurde ich dann auch ganz gut bedient. Seine Genremischung Plume, précédé de Loutain Intérieur (dt.: „Ein gewisser Plume“) bringt Prosa, Lyrik und Drama in kurzer Form zusammen, sogar ein bisschen Essayistisches darf sein. Was alle Werke einigt, ist eine gewisse (!) Sprunghaftigkeit, die sich mit Logik und solchem Scheiß wirklich gar nicht aufhält. Michaux‘ Theorien sind vom Festen, Realen von Beginn an weit entfernt, überall öffnen sich neue Welten und jederzeit sind Raum und Zeit gefährdet. Ein besonders schönes Beispiel bilden die kurzen Prosaszenen zu Herrn Plume. Der arme Plume verschläft da plötzlich einen heranfahrenden Zug, der daraufhin seine Frau zerteilt, ebenso sitzt er plötzlich mit einigen unangenehmen Leichen in eben so einem Zug oder wird von einer sonderbaren Frau zu sexuellen Leistungen gedrängt. Immer wieder ist dieser gewisse Plume in Schwierigkeiten, aber auf so verflixt-unlogische Weise, dass es selbst einem Kafka zu viel würde. Und genau das ist schließlich die Sache bei Michaux: Menschen, die bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten getrieben werden. Dort bleibt entweder die doch letzte Möglichkeit, darüber hinauszusteigen oder daran zu verzweifeln. Oder man lacht eben über das dumme Dilemma. Hat schon Kafka getan und ich bei der Lektüre von Plume eben auch!

Ein großer Hund taucht auf, der laut bellt. Sie geben ihm einen Fußtritt, und der Kopf fällt ab.

Henri Michaux: Ein gewisser Plume. In: Ein gewisser Plume. Aus dem Französischen von Kurt Leonhard, Frankfurt 1986, S. 31.

Krieg und Science-Fiction / Kurt Vonnegut – Slaughterhouse-Five (1969)

Kurt Vonnegut ist eigentlich einer, der mal wieder über den Zweiten Weltkrieg geschrieben hat. Allerdings, und das fällt schon beim Titel seines Buches auf (Slaughterhouse-Five, or The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death), auf wenig konventionelle, oder sagen wir mal, naturalistische Weise. Vonnegut stellt in seinem autobiografischen Roman, der die selbsterlebte Bombardierung Dresdens als Zentrum hat, von Beginn an fest, wie schwierig es ist, diesem Thema schriftstellerisch zu entsprechen. Nicht, weil es so furchtbar sei, sondern weil er schlicht das meiste vergessen habe. Vergessen und Erinnerungskultur sind im Umgang mit den grausamen Ereignissen des Weltkriegs natürlich häufige Themen, jedoch ist die Reaktion Vonneguts darauf sicher einzigartig, womit die herausragende Stellung seines Buches in der Literaturgeschichte ganz klar ihre Berechtigung hat.

Vonnegut erzählt nämlich nicht seine eigene Geschichte, sondern die des skurril-naiven Bill Pilgrims, der jedoch Ähnliches erlebte wie Vonnegut selbst. Pilgrim ist nur eben kein klar gepeinigter amerikanischer Kriegsgefangener, sondern einer, der die Kriegsgräuel mithilfe der Fähigkeit der Zeitreise immer wieder hinter sich lassen kann. Der Roman bietet zwar psychologische Deutungen dieser vermeintlichen Fähigkeit, setzt sie in seiner nonlinearen Struktur aber lieber direkt um und kümmert sich so gar nicht um Logik und Sinn. Äußerst gewitzt und lakonisch treten neben die ungeschönten Kriegsmomente andere besondere Ereignisse aus Pilgrims Leben, aber auch sein Aufenthalt in einem Raumschiff der Außerirdischen, der sogenannten Tralfamadorians. Darüber ergeben sich immer wieder philosophische Momente der Sinnfrage („Warum wurde ich entführt?“, „Welche Möglichkeiten habe ich, dem körperlichen Leid des Krieges zu entkommen?“), aber auch schlicht verrückte Szenen. Abwechslungsreich und dank dem pointiert-trockenen Stil gut lesbar ist das Buch unterhaltsam und zugleich fordernd. Eine umfassende Deutung des Dimensionschaos gelingt nicht leicht, das ist aber auch angemessen angesichts des katastrophalen, sinnwidrigen Ereignisses des Zweiten Weltkriegs. Eine einfach Lösung ist nicht zu haben.

Erst einmal Sex / Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik (1957)

Gute alte Dystopien aus der guten alten Zeit, als noch Leute wie Ernst Jünger und Arno Schmidt Dystopien schrieben. In seinem kurzen Roman Die Gelehrtenrepublik entführt uns Schmidt in das Jahr 2008. Die Welt und vor allem Europa ist durch einen Atomkrieg verheert, die wichtigen Geister haben sich auf eine Insel, die sogenannte „IRAS“ (International Republic for Artists and Scientists) zurückgezogen. Dorthin will auch Protagonist und Journalist Henry Winer, dazu muss er jedoch durch den sogenannten Hominidenstreifen, eine Zone, in welcher die Atomkraft sonderbare Geschöpfe wie Zentauren oder Menschenspinnen geschaffen hat. Das Buch gliedert sich damit in zwei Teile: Einmal die Hinreise und einmal den Aufenthalt in der Gelehrtenrepublik, in der Winer dann sonderbare, skurrile bis erschreckende Entdeckungen macht.

Was zunächst auffällt, ist der bedächtige, aber auch spitze Erzählton des Buches. Winer ist sicher kein Mann der Schüchternheit, sondern ein scharfsinniger, spielerischer Geist. Mit gefasster Neugierde tritt er seinem Untersuchungsobjekten gegenüber, kann es aber auch nicht lassen, sich mit diesen zu vermengen. In skurril kurzer Abfolge wird die Begegnung mit einer Zentaurin auch schon zum Schäferstündchen, überhaupt kann sich Winer während seiner Reise sexuell gut austoben. Ansonsten ist die beschriebene Welt kreativ gestaltet, gerade im ersten Teil mit seinen sonderbaren Kreaturen, überrascht den heutigen, reizüberfluteten Fantasy- und Sci-Fi-Kenner jedoch nicht mehr. So bleibt es mehr der Umgang Winers mit seiner Umwelt und der oft skurril verzerrte Blick auf eine Welt, die sich nach dem Chaos irgendwie und vor allem egoistisch weiterdreht. Genüsslich und mit Plauderton nimmt Schmidt im zweiten Teil so vor allem (Kultur-)Politik aufs Korn und stichelt in alle Richtungen. Winer bekommt jedenfalls viel Raum, sich zu wundern und bleibt am Ende trotz sexueller Sprunghaftigkeit noch einer der normalsten Figuren des Romans. Auch eine Leistung.

Michel Houellebecq – Extension du domaine de la lutte (1994)

Michel Houellebecq – der ewige Exzentriker, Analytiker der Seele. Bei meiner ersten Lektüre, der von Soumission (2015), konnte ich schon alle wesentlichen Trademarks erkennen: Eigene Hässlichkeit, Isolation, Probleme der Bindung, ein starker Fokus auf Sexualität und Einsamkeit. Oder wie es in Houellebecqs kontroversem Erstling Extension du domaine de la lutte („Ausweitung der Kampfzone“) heißt: „Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst.“ (S. 173)*.  Die Begegnung mit der Welt schafft mehr Einsamkeiten als Verbindungen. Entsprechend ist der Protagonist des Romandebüts, ein idealtypisch hässlicher Informatiker, vor allem damit beschäft in zynisch-kühlem Tonfall das Scheitern jeder Annäherung und überhaupt jeden Sinns zu konstatieren. Entweder in seinen ziellosen Begegnungen mit Menschen oder in abstrakten Parabeln, die er immer wieder in sein Erlebnisprotokoll einbindet. Ein echter Wesensverwandter von Camus‘ Fremdem, nur ohne jedes Gegenprogramm, ohne konstruktive Philosophie.

Das führt immer wieder zu skurrilen bis irritierend kalten Szenarien. Das kalte Geschäftsleben im Dienstleistungssektor trifft auf menschliche Annäherungen, die vom gesellschäftlichen System jedoch längst vereinamt, verkleidet sind und daher nie gelingen. Was übrig bleibt, sind Loser und Selbstmorde. Houellebecqs konsequenter, antidramatischer Stil, das Fragmenthafte schaffen eine trostlose, asoziale Atmosphäre, die in manchen Momenten Hilflosigkeit, aber auch eine kalte Aggresivität verrät. Menschen rutschen in Schubladen, werden Opfer von Diskriminierungen seitens des Erzählers, immer setzt sich  Houellebecq in Problemzonen. Das niemals voyeurhafte Sezieren dieser Zonen macht den kurzen Roman intensiv und durchweg spannend. Nur so manche, sorgsam artikulierte Entfremdungsplattitüde wirkt im fragmentarischen Kontext etwas billig. Aber auch das mag zum Programm der schonungslosen, banalen und peinlichen Selbstoffenbarung zu gehören.

*Zitat nach: Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Aus dem Französischen von Leopold Federmair, Berlin 2015 (dritte Auflage).