Buddha und der Beat – Zu Jack Kerouacs „The Dharma Bums“ (1958)

Die Kunst sucht sich Ekstase, Schwirren, manchmal sogar einen Beat. Und wer hat den Beat in den 50ern in die Literatur gebracht? Klar, Jack Keruac. Nur war der nicht bloß wild-romantischer amerikanischer Dichter, sondern auch stiller Buddhist, wollte es zumindest sein. Davon zeugt in jedem Fall sein Roman The Dharma Bums. Wie schon im Klassiker On the Road fiebert der Protagonist hier einem Idol hinterher. Diesmal ist es aber kein lebensgeiler Dean Moriarty, sondern der launenhafte Bergsteiger und Hobby-Buddhist Japhy Ryder. Zusammen erproben die beiden eine Mischung aus künstlerischer Ekstase und der Suche nach Nirwana, stiller Selbstgenügsamkeit.
Für mich mindestens interessant, mehr noch herausfordernd. Denn das ständige Überbieten, das Kunst für mich bedeutet, das ständige Hinterfragen und Auflösen passt ideal zu manchen Zugängen des Buddhismus, etwa zum Zen, der auf spielerisch-kreative Weise immer wieder die Herausforderung sucht. Gleichzeitig bleiben aber auch Widersprüche: Genügsamkeit, Stille und Verharren, vor allem das Wertungslose wollen nicht so ganz mit dem Begriff einer wilden, provozierenden Kunst. Den großen Karneval, den wir um unsere Existenz veranstalten, sieht der ruhige Blick des Meditierenden ohne Anteilnahme, die Kunst hingegen stürzt sich regelrecht hinein. Oder gibt es eine Kunst, die sich hier besser eignet? Im Falle Keruacs sind die unmittelbare Naturbegegnung und das Gebet die letzten und intensivsten Mittel der Selbstfindung, so bringt uns The Dharma Bums schließlich auf einen einsamen Berg. Die Heimkehr des Protagonisten am Ende bedeutet die Rückkehr eines Geläuterten, einer der eigentlich nicht mehr zu schreiben, sondern vor allem zu leben braucht. Aber braucht das Leben die Kunst?

Dergestalt, 2019.

Max und die Heuschrecke

Irgendwann beschloss ein Freund, alte Kindheitstexte meinerselbst einzulesen. Das Ergebnis ist erheiternd, erregend und schockierend. Hier ein Auszug aus Dochtvaters Märchen. Vorkenntnisse helfen auch nicht weiter und sind daher unnötig.

Dergestalt, 2000 – Cormean, 2015.

Zur Überrealität!

Surrealismus bedeutet nicht die fantastische, vom Realen befreite Welt, sondern eine Welt, in der die Dinge im Realen verzerrt sind. Es ist ein Über-Realismus, der die Verfremdung noch inmitten des Gewohnten vornimmt. Hier sind es noch klare Örtlichkeiten, deutliche Begriffe, da werden sie schon merkwürdig schräg in ihren Proportionen. Die Bezüge zwischen Metaphorik und realer Welt verschwimmen auf diffuse Weise.
So muss man die Wirklichkeit attackieren! Man muss sie in den eigenen Elementen erfassen und noch tief in ihrer eigenen Substanz verfremden. Man muss die chemische Zusammensetzung unserer Welt erschmecken können, ehe man ihre Atome ein wenig verschiebt. Tut man das schließlich, entdeckt man auch, wie sich die Dinge verändern. Im grellen Gelb eines deutschen Ortsschildes etwa ergibt sich die Blutmischung eines kranken Kindes. Nur indem man die Stoffe der „eigentlichen“, realen Welt extrahiert, neu mischt, schafft man fundamental verunsichernde Situationen, die den nahen Schrecken, das Unheimliche heftig fokussieren. Irritierend wird das Irritierende erst, wenn man sich selbst halb darin befindet. Und Kunst muss irritieren.
Zur Überrealität!

Dergestalt, 2015.

L S D

(Drei junge Männer auf einer Wiese. Leicht erhöhte Lage, guter Blick über Stadt, Land, Leute. Konsum der Droge Lysergsäurediethylamid auf Löschpapier.
Einige Zeit des Wartens. Die Wirkung setzt ein.)

JUNGER MANN: Spürt ihr was?
JUNGER MANN: Mein Kopf wird schwer.
JUNGER MANN: Mir wird übel.

(Rascheln im Wind. 10 Minuten vergehen.)

JUNGER MANN: Alter.
JUNGER MANN: Was?
JUNGER MANN: Alter. Ich.
JUNGER MANN: Hast du was gesehen? Ich habe nichts gesehen.
JUNGER MANN: Kennt ihr das, spürt ihr das?
JUNGER MANN: Siehst du was?
JUNGER MANN: Alter.

(Windstille. 15 Minuten vergehen.)

JUNGER MANN: Alter. Ich.
JUNGER MANN: Kennt ihr das?

(Es wird dunkel. Wind kommt auf. Es wird kalt. Die Zeit vergeht.)

JUNGER MANN: War das der Tod?
JUNGER MANN: Kennt ihr das?
JUNGER MANN: Wo ist eigentlich?

(Ein Zug fährt einige Meter entfernt, erzeugt Luftwirbel, lässt die Blätter rascheln.
Der Abend vergeht.)

Dergestalt, 2019.

Die Erweiterung der Klasse

Wrsliff kommt in die Schule und alle finden das eklig. Da werden die Hefte emporgerissen wie Spielzeugschilde, die Stifte gezückt wie Spielzeugschwerter und der Kopf beginnt zu glühen wie das Herz eines Spielzeugritters. Und dann stehen sie alle in einer Reihe – immer wieder ein Stück beiseite getreten, damit auch weitere nachrücken können – wankend wie ein betrunkener Chor und kreischen Rufe, deren Inhalt ihnen gar nicht klar sein kann.
Und der Lehrer, der versteckt sich hinter dem Pult und wartet leise ab. In seiner rechten Hand: Die Klausuren. In seiner linken Hand: Das Armband, welches ihm seine Frau an diesem Morgen aus Afrika zurückzugesandt hatte, die Nachricht „Er ist es doch. Leb wohl.“ beigelegt.
Wenn jetzt einer den künstlerischen Wahn besäße, das Ganze zum Stillleben zu formen – die ganze Kolonne still gestanden und das Lehrertier geduckt – dann würde das dem Wrsliff vielleicht helfen. So aber betritt er das Zimmer und alle finden das eklig.

Dergestalt, 2014.

Notiz

Man fand die Leiche des jungen Mannes in einem kahlen Zimmer. Die Arme hingen schlaff am Körper herab, die Beine waren kraftlose Anhängsel, der Kopf ein dummes Glied. Der freistehende Gerichtsmann beobachtete die festgezurrte Leiche genau und folgerte aus verschiedenen Blickwinkeln stets dasselbe: Der Mann hing richtig durch, das Seil blieb straff – es war wohl gut befestigt. Eine weitere Beobachtung ergab, dass am Körper des Mannes gelbe Streifen entlangliefen. Man überlegte, was denn damit gemeint sein könne, kam jedoch zu keinem Schluss.
Auffällig war das gelbe Zettelchen, das der Leiche wie in die Hand gedrückt war. Man hatte es erst spät bemerkt, erst dann, als man schon am Gehen war. Eine Botschaft also. Mit einem Blick auf das schiefe Maul des Toten schob man die Nachricht vorsichtig aus dessen Hand. Irgendwie klebte sie fast darin. Man nahm sie langsam in die eigene Hand und als der Gerichtsmann ungeduldig wurde, las man sogleich, was dort stand. Und es stand da nur: Notiz.

Dergestalt, 2014.