Houellebecq forever! / Michel Houellebecq – La carte et le territoire (2010)

Wenn Leben und Werk eines Autors so beieinander scheinen wie das im Fall Houellebecq nun mal ist, ist der nächste konquente Schritt natürlich eine, scheinbare, tatsächliche Zusammenlegung von Text und Leben. In Houellebecqs ambitioniertem Gesellschaftsroman La carte et le territoire ist Houellebecq selbst zwar nicht Protagonist, aber doch die zweitwichtigste Figur des Buchs. Der französische Künstler Jed Martin trifft dort nämlich auf den Schriftsteller Houellebecq, der das Vorwort zu seiner Ausstellung schreiben soll. Für den Autor Houellebecq ist das natürlich eine ideale Gelegenheit, die eigene Person über eine Zweitperspektive nicht nur weiter zu stilisieren, sondern so auch zu objektivieren. Houellebecq ist hier der von Selbstfeier und Selbstekel getriebene Lebemann, ein Künstler als echter Existentialist. Neben ihm verblasst der tatsächliche Protagonist Jed, der zwar ein erfolgreicher Künstler, aber doch eine eher unscheinbare Person ist. Als schließlich ein abartiger Mord geschieht, geraten die Dinge aber ein bisschen aus der Bahn.

Im Zentrum bleibt aber die Begegnung Jeds mit der Kunst(händler)welt von Paris mit all ihren Oberflächlichkeiten und schwälenden Konflikten. Jed wird von ihr zwar bewundert, findet aber nicht in sie hinein. Da ist eine grundskeptische, nihilistisch auftretende Person wie Houellebecq ein weit besserer Ansprechpartner und auch Mentor. Auf lakonisch-pessimistische Weise seziert das Buch alle Hoffnungen und lässt sie an wenigen Stellen auch morbide ausbluten. Gerade im Vergleich zu Houellebecqs Frühwerk bleibt der Roman aber wenig drastisch, eher resignativ bis melancholisch. Das Leid des Individuums an der unzureichenden Wirklichkeit bildet die Konstante. Neben dem Ego der Protagonisten werden andere Figuren, vor allem Frauen, dabei leicht zu Abziehfiguren. Das genüssliche Leid der narzisstischen Einzelperson verzerrt den Blick auf die Umgebung.  Bei aller clever gesetzten Gesellschaftskritik bleibt das Buch also auch hier vor allem eine Innenansicht des modern-geplagten, illusionslosen Menschen. Der Leser darf daher auch zweifeln, ob nun die Außen- oder Innenwelt kaputter ist. Sicher ist nur, dass das eine das andere bedingt und wir alle in diese beschissene Welt hineingeboren wurden und nur über den Tod wieder entrinnen können. In seinen ideenreichen Exkursen zu diesem Problem und weiteren rund um Sex und Tod ist La carte et le territoire wieder ein verlässlich zynischer, spannender Roman geworden, der sowohl zehrend-anstrengt als auch spritzig-böse unterhält. Wo Houellebecq bohrt, schaut der Leser gerne hinterher.

Bilder kamen ihm wieder vor Augen, und obwohl sein Sexualleben nicht gerade außergewöhnlich verlaufen war, waren es erstaunlicherweise vor allem Bilder von Frauen. […] Erinnerungen an weiche Brüste, gewandte Zungen und enge Scheiden kehrten zurück. Tja, so übel war das Leben doch gar nicht gewesen.

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Köln 2011, S. 413.

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Henri Michaux – Plume, précédé de Loutain Intérieur (1938)

Ich will ja immer gern ein bisschen mehr Surrealismus in der Literatur, also wirklich sprunghaftes, abgedrehtes Zeug, ganz weitab der Logik. Klingt anarchisch, aber macht doch auch Freude. Mit Henri Michaux wurde ich dann auch ganz gut bedient. Seine Genremischung Plume, précédé de Loutain Intérieur (dt.: „Ein gewisser Plume“) bringt Prosa, Lyrik und Drama in kurzer Form zusammen, sogar ein bisschen Essayistisches darf sein. Was alle Werke einigt, ist eine gewisse (!) Sprunghaftigkeit, die sich mit Logik und solchem Scheiß wirklich gar nicht aufhält. Michaux‘ Theorien sind vom Festen, Realen von Beginn an weit entfernt, überall öffnen sich neue Welten und jederzeit sind Raum und Zeit gefährdet. Ein besonders schönes Beispiel bilden die kurzen Prosaszenen zu Herrn Plume. Der arme Plume verschläft da plötzlich einen heranfahrenden Zug, der daraufhin seine Frau zerteilt, ebenso sitzt er plötzlich mit einigen unangenehmen Leichen in eben so einem Zug oder wird von einer sonderbaren Frau zu sexuellen Leistungen gedrängt. Immer wieder ist dieser gewisse Plume in Schwierigkeiten, aber auf so verflixt-unlogische Weise, dass es selbst einem Kafka zu viel würde. Und genau das ist schließlich die Sache bei Michaux: Menschen, die bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten getrieben werden. Dort bleibt entweder die doch letzte Möglichkeit, darüber hinauszusteigen oder daran zu verzweifeln. Oder man lacht eben über das dumme Dilemma. Hat schon Kafka getan und ich bei der Lektüre von Plume eben auch!

Ein großer Hund taucht auf, der laut bellt. Sie geben ihm einen Fußtritt, und der Kopf fällt ab.

Henri Michaux: Ein gewisser Plume. In: Ein gewisser Plume. Aus dem Französischen von Kurt Leonhard, Frankfurt 1986, S. 31.

Krieg und Science-Fiction / Kurt Vonnegut – Slaughterhouse-Five (1969)

Kurt Vonnegut ist eigentlich einer, der mal wieder über den Zweiten Weltkrieg geschrieben hat. Allerdings, und das fällt schon beim Titel seines Buches auf (Slaughterhouse-Five, or The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death), auf wenig konventionelle, oder sagen wir mal, naturalistische Weise. Vonnegut stellt in seinem autobiografischen Roman, der die selbsterlebte Bombardierung Dresdens als Zentrum hat, von Beginn an fest, wie schwierig es ist, diesem Thema schriftstellerisch zu entsprechen. Nicht, weil es so furchtbar sei, sondern weil er schlicht das meiste vergessen habe. Vergessen und Erinnerungskultur sind im Umgang mit den grausamen Ereignissen des Weltkriegs natürlich häufige Themen, jedoch ist die Reaktion Vonneguts darauf sicher einzigartig, womit die herausragende Stellung seines Buches in der Literaturgeschichte ganz klar ihre Berechtigung hat.

Vonnegut erzählt nämlich nicht seine eigene Geschichte, sondern die des skurril-naiven Bill Pilgrims, der jedoch Ähnliches erlebte wie Vonnegut selbst. Pilgrim ist nur eben kein klar gepeinigter amerikanischer Kriegsgefangener, sondern einer, der die Kriegsgräuel mithilfe der Fähigkeit der Zeitreise immer wieder hinter sich lassen kann. Der Roman bietet zwar psychologische Deutungen dieser vermeintlichen Fähigkeit, setzt sie in seiner nonlinearen Struktur aber lieber direkt um und kümmert sich so gar nicht um Logik und Sinn. Äußerst gewitzt und lakonisch treten neben die ungeschönten Kriegsmomente andere besondere Ereignisse aus Pilgrims Leben, aber auch sein Aufenthalt in einem Raumschiff der Außerirdischen, der sogenannten Tralfamadorians. Darüber ergeben sich immer wieder philosophische Momente der Sinnfrage („Warum wurde ich entführt?“, „Welche Möglichkeiten habe ich, dem körperlichen Leid des Krieges zu entkommen?“), aber auch schlicht verrückte Szenen. Abwechslungsreich und dank dem pointiert-trockenen Stil gut lesbar ist das Buch unterhaltsam und zugleich fordernd. Eine umfassende Deutung des Dimensionschaos gelingt nicht leicht, das ist aber auch angemessen angesichts des katastrophalen, sinnwidrigen Ereignisses des Zweiten Weltkriegs. Eine einfach Lösung ist nicht zu haben.

Erst einmal Sex / Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik (1957)

Gute alte Dystopien aus der guten alten Zeit, als noch Leute wie Ernst Jünger und Arno Schmidt Dystopien schrieben. In seinem kurzen Roman Die Gelehrtenrepublik entführt uns Schmidt in das Jahr 2008. Die Welt und vor allem Europa ist durch einen Atomkrieg verheert, die wichtigen Geister haben sich auf eine Insel, die sogenannte „IRAS“ (International Republic for Artists and Scientists) zurückgezogen. Dorthin will auch Protagonist und Journalist Henry Winer, dazu muss er jedoch durch den sogenannten Hominidenstreifen, eine Zone, in welcher die Atomkraft sonderbare Geschöpfe wie Zentauren oder Menschenspinnen geschaffen hat. Das Buch gliedert sich damit in zwei Teile: Einmal die Hinreise und einmal den Aufenthalt in der Gelehrtenrepublik, in der Winer dann sonderbare, skurrile bis erschreckende Entdeckungen macht.

Was zunächst auffällt, ist der bedächtige, aber auch spitze Erzählton des Buches. Winer ist sicher kein Mann der Schüchternheit, sondern ein scharfsinniger, spielerischer Geist. Mit gefasster Neugierde tritt er seinem Untersuchungsobjekten gegenüber, kann es aber auch nicht lassen, sich mit diesen zu vermengen. In skurril kurzer Abfolge wird die Begegnung mit einer Zentaurin auch schon zum Schäferstündchen, überhaupt kann sich Winer während seiner Reise sexuell gut austoben. Ansonsten ist die beschriebene Welt kreativ gestaltet, gerade im ersten Teil mit seinen sonderbaren Kreaturen, überrascht den heutigen, reizüberfluteten Fantasy- und Sci-Fi-Kenner jedoch nicht mehr. So bleibt es mehr der Umgang Winers mit seiner Umwelt und der oft skurril verzerrte Blick auf eine Welt, die sich nach dem Chaos irgendwie und vor allem egoistisch weiterdreht. Genüsslich und mit Plauderton nimmt Schmidt im zweiten Teil so vor allem (Kultur-)Politik aufs Korn und stichelt in alle Richtungen. Winer bekommt jedenfalls viel Raum, sich zu wundern und bleibt am Ende trotz sexueller Sprunghaftigkeit noch einer der normalsten Figuren des Romans. Auch eine Leistung.

Michel Houellebecq – Extension du domaine de la lutte (1994)

Michel Houellebecq – der ewige Exzentriker, Analytiker der Seele. Bei meiner ersten Lektüre, der von Soumission (2015), konnte ich schon alle wesentlichen Trademarks erkennen: Eigene Hässlichkeit, Isolation, Probleme der Bindung, ein starker Fokus auf Sexualität und Einsamkeit. Oder wie es in Houellebecqs kontroversem Erstling Extension du domaine de la lutte („Ausweitung der Kampfzone“) heißt: „Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst.“ (S. 173)*.  Die Begegnung mit der Welt schafft mehr Einsamkeiten als Verbindungen. Entsprechend ist der Protagonist des Romandebüts, ein idealtypisch hässlicher Informatiker, vor allem damit beschäft in zynisch-kühlem Tonfall das Scheitern jeder Annäherung und überhaupt jeden Sinns zu konstatieren. Entweder in seinen ziellosen Begegnungen mit Menschen oder in abstrakten Parabeln, die er immer wieder in sein Erlebnisprotokoll einbindet. Ein echter Wesensverwandter von Camus‘ Fremdem, nur ohne jedes Gegenprogramm, ohne konstruktive Philosophie.

Das führt immer wieder zu skurrilen bis irritierend kalten Szenarien. Das kalte Geschäftsleben im Dienstleistungssektor trifft auf menschliche Annäherungen, die vom gesellschäftlichen System jedoch längst vereinamt, verkleidet sind und daher nie gelingen. Was übrig bleibt, sind Loser und Selbstmorde. Houellebecqs konsequenter, antidramatischer Stil, das Fragmenthafte schaffen eine trostlose, asoziale Atmosphäre, die in manchen Momenten Hilflosigkeit, aber auch eine kalte Aggresivität verrät. Menschen rutschen in Schubladen, werden Opfer von Diskriminierungen seitens des Erzählers, immer setzt sich  Houellebecq in Problemzonen. Das niemals voyeurhafte Sezieren dieser Zonen macht den kurzen Roman intensiv und durchweg spannend. Nur so manche, sorgsam artikulierte Entfremdungsplattitüde wirkt im fragmentarischen Kontext etwas billig. Aber auch das mag zum Programm der schonungslosen, banalen und peinlichen Selbstoffenbarung zu gehören.

*Zitat nach: Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Aus dem Französischen von Leopold Federmair, Berlin 2015 (dritte Auflage).

Teuflisch-sinnlos / Joris-Karl Huysmans – Là-bas (1890)

Betrachtet man die Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bleibt die ästhetische Faszination am Dekadenten und Abgründigen kaum zu übersehen. Und Huysmans ist sicher einer der bekanntesten Vertreter. Mit seinen Dandyfiguren tastet er sich an die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft heran und manchmal überschreitet er sie auch gleich. So ganz sicher in Là-bas. Der gewitzte und neugierige Schriftsteller und Bohemian Durtal schreibt dort an seinem Buch über den okkulten Kindermörder Gilles de Rais, wird aber bald selbst immer mehr von den okkulten Mächten der Gegenwart eingeholt. Er muss erkennen, dass das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht nur ein verkommener Pfuhl der Scheinheiligkeit ist, sondern auch den Satanismus selbst beherbergt.

Die Inhaltsangabe ist vielleicht etwas reißerischer geraten als beabsichtigt. Denn eigentlich ist Là-bas wie Huysmans berühmtestes Werk À rebours (1884) ein äußerst unaufgeregter, essayhafter Roman. In deutlicher Ablehnungshaltung gegenüber einer metaphysiklosen, abgeschmackten, schlicht dummen Gesellschaft wenden sich die Protagonisten den Grenzbereichen zu. Leider sind aber auch diese ernüchternd. Jene berüchtigte Passage über eine Schwarze Messe ist zwar derb, zeigt jedoch auch schnell die profanen Seiten des Okkulten. Durtal bleibt in einer Skepsis gegenüber jedem Glauben und überhaupt der bloßen Sinneslust, kann ohne Metaphysik aber auch nicht sein. Ein ziemliches Dilemma. Durch seine ironische, manchmal zynische Note bleibt der Roman dennoch bissig, lebendig und lässt sich flott lesen. Er regt vieles an, lässt vieles offen und beeindruckt nicht zuletzt mit seiner Wissensdichte, was Religion und Gegenreligion betrifft. Darin und in seiner essayhaften Anlage ähnelt er À rebours deutlich, bleibt aber der leichtere, vergnüglichere Einstieg in Huysmans Werk. Kann man verzehren.

Fünf Bücher, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde (HpT6/%-Edition)

Schön, dass Gorana in ihrer letztwöchigen 5-besten-Fragerunde zufällig auf meinen neuen Blogschwerpunkt Literatur gestoßen ist. Der Aufforderung, fünf Bücher für die einsame Insel zu nennen, komme ich also gerne nach. Kleine Einschränkung, damit es spaßiger und blogkonformer wird: die Bücher müssen mindestens HpT6/% sein, heißt, abgefuckt und seltsam. Los geht’s!

  1. Nämlich von Paul Adler. Mensch, was für ein irrer Gassenhauer. Dieser vollends in der Versenke verschwundene Roman von Paul Adler ist auch noch heute ein sehr rücksichtsloser Ritt in den Kopf eines Irren. Da geht es bunt, mystisch und teils ziemlich fies zu. Sprachlich jenseits von gut und böse und auch ansonsten ein feuchtfröhlicher Kandidat für den ewigen Strandurlaub mit Sonnenstich.
  2. Fälle von Daniil Charms. Sehr kurzweilig und für jeden Strandspaziergang geeignet. 30 massiv absurde Kurzportraits von zählunfähigen Leuten, verschwindenden Menschen und der Unmöglichkeit, ein normales Leben führen zu können. Passt ideal zur Situation des Verlassenen auf einsamer Insel.
  3. Histoire de l’œil von Georges Bataille. Für den erotisch-intellektuellen Genuss unter dem Palmenstrand (pun obviously intended) eignet sich Batailles halbpornografischer Blick auf surreale Begegnungen unbedingt.
  4. Blasted von Sarah Kane. Falls mal ein Sturm aufzieht und die existentielle Aussichtslosigkeit zuschlägt, muss Kanes grausig-verzerrtes Werk auch mal sein. Eine wundervoll irreale Darstellung von Einsamkeit, Zerstörungslust und Identitätsverlust.
  5. Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson. Es darf natürlich auch verdrogt-freudig zugehen. Hoffentlich wachsen auf dieser Insel auch die richtigen Pflänzlein.