Henri Michaux – Plume, précédé de Loutain Intérieur (1938)

Ich will ja immer gern ein bisschen mehr Surrealismus in der Literatur, also wirklich sprunghaftes, abgedrehtes Zeug, ganz weitab der Logik. Klingt anarchisch, aber macht doch auch Freude. Mit Henri Michaux wurde ich dann auch ganz gut bedient. Seine Genremischung Plume, précédé de Loutain Intérieur (dt.: „Ein gewisser Plume“) bringt Prosa, Lyrik und Drama in kurzer Form zusammen, sogar ein bisschen Essayistisches darf sein. Was alle Werke einigt, ist eine gewisse (!) Sprunghaftigkeit, die sich mit Logik und solchem Scheiß wirklich gar nicht aufhält. Michaux‘ Theorien sind vom Festen, Realen von Beginn an weit entfernt, überall öffnen sich neue Welten und jederzeit sind Raum und Zeit gefährdet. Ein besonders schönes Beispiel bilden die kurzen Prosaszenen zu Herrn Plume. Der arme Plume verschläft da plötzlich einen heranfahrenden Zug, der daraufhin seine Frau zerteilt, ebenso sitzt er plötzlich mit einigen unangenehmen Leichen in eben so einem Zug oder wird von einer sonderbaren Frau zu sexuellen Leistungen gedrängt. Immer wieder ist dieser gewisse Plume in Schwierigkeiten, aber auf so verflixt-unlogische Weise, dass es selbst einem Kafka zu viel würde. Und genau das ist schließlich die Sache bei Michaux: Menschen, die bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten getrieben werden. Dort bleibt entweder die doch letzte Möglichkeit, darüber hinauszusteigen oder daran zu verzweifeln. Oder man lacht eben über das dumme Dilemma. Hat schon Kafka getan und ich bei der Lektüre von Plume eben auch!

Ein großer Hund taucht auf, der laut bellt. Sie geben ihm einen Fußtritt, und der Kopf fällt ab.

Henri Michaux: Ein gewisser Plume. In: Ein gewisser Plume. Aus dem Französischen von Kurt Leonhard, Frankfurt 1986, S. 31.

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