Fünf Bücher, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde (HpT6/%-Edition)

Schön, dass Gorana in ihrer letztwöchigen 5-besten-Fragerunde zufällig auf meinen neuen Blogschwerpunkt Literatur gestoßen ist. Der Aufforderung, fünf Bücher für die einsame Insel zu nennen, komme ich also gerne nach. Kleine Einschränkung, damit es spaßiger und blogkonformer wird: die Bücher müssen mindestens HpT6/% sein, heißt, abgefuckt und seltsam. Los geht’s!

  1. Nämlich von Paul Adler. Mensch, was für ein irrer Gassenhauer. Dieser vollends in der Versenke verschwundene Roman von Paul Adler ist auch noch heute ein sehr rücksichtsloser Ritt in den Kopf eines Irren. Da geht es bunt, mystisch und teils ziemlich fies zu. Sprachlich jenseits von gut und böse und auch ansonsten ein feuchtfröhlicher Kandidat für den ewigen Strandurlaub mit Sonnenstich.
  2. Fälle von Daniil Charms. Sehr kurzweilig und für jeden Strandspaziergang geeignet. 30 massiv absurde Kurzportraits von zählunfähigen Leuten, verschwindenden Menschen und der Unmöglichkeit, ein normales Leben führen zu können. Passt ideal zur Situation des Verlassenen auf einsamer Insel.
  3. Histoire de l’œil von Georges Bataille. Für den erotisch-intellektuellen Genuss unter dem Palmenstrand (pun obviously intended) eignet sich Batailles halbpornografischer Blick auf surreale Begegnungen unbedingt.
  4. Blasted von Sarah Kane. Falls mal ein Sturm aufzieht und die existentielle Aussichtslosigkeit zuschlägt, muss Kanes grausig-verzerrtes Werk auch mal sein. Eine wundervoll irreale Darstellung von Einsamkeit, Zerstörungslust und Identitätsverlust.
  5. Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson. Es darf natürlich auch verdrogt-freudig zugehen. Hoffentlich wachsen auf dieser Insel auch die richtigen Pflänzlein.

Daniil Charms – Fälle (1933-1939)

Irgendwann saß ich einmal in einer Vorlesung zum Thema Avantgardistische Literatur in Russland. Dort ging es auch um die Absurdisten, also eine Gruppe von Schriftstellern, die sich mit der absurden Einrichtung der Welt auseinandersetzten. Klang zunächst alles sehr theoretisch, dann aber wurde eine kurze Erzählung vorgestellt, die von einem Mann handelt, der eigentlich keine Eigenschaften hat und am Ende deshalb verschwindet. Das hat mir gefallen und so habe ich mir schnell die zugehörige Kurzgeschichtensammlung Fälle des entsprechenden Autors Daniil Charms besorgt.

Darin sind 30 sehr kurze Prosawerke und Theaterstücke enthalten, die äußerst absurde Situationen beschreiben. Erklärungen für die Vorkommnisse bekommt man entweder nicht oder sie sind absolut unzureichend bis irreführend. Meine vielleicht liebste Erzählung beschreibt einige Personen, die lange Zeit darüber diskutieren, ob nun die 7 oder 8 zuerst kommt. Das ganze geht eine Weile so hin und her, bis schließlich ein Kind von einer Bank fällt und sich seinen Kiefer bricht. Das bringt die Diskussion und die Erzählung schließlich zu einem Ende. Aha! Die Geschichten besitzen oft ihren eigenen, bisweilen surrealen Humor, der durch die oft mit Schmerzen und Tod verknüpften Szenarien nicht selten eine schwarze Färbung erhält. Das wundert nicht, denn Charms hatte lange mit den harten Bedingungen im stalinistischen Russland zu kämpfen. Über seine Werke übte er eine sehr verdrehte und daher von der Zensur nur schwer erkennbare Kritik an den sinnlosen, menschenfeindlichen Umständen. Was sein Werk nur noch faszinierender macht.

Überforderung ≠ Weirdness / Werner Schwab – Übergewicht, unwichtig: Unform (1991)

Gerade vorhin habe ich schon wieder ein postmodernes Theaterstück gelesen, Wener Schwabs Übergewicht, unwichtig: Unform. Zeit- und pflichtgemäß natürlich mit Verfremdungseffekten, die dem Leser wie Schmeißfliegen um den Kopf gehauen werden. Die eigentlich eher bodenständigen, vom Autor sogar als banal gewerteten Figuren sprechen in abstrakten, oft enorm ästhetisierten Dialogfetzen mit- oder gegeneinander an. Natürlich ist alles ganz atomisiert, natürlich sind alle Figuren mit sich allein, aber irgendwo, ganz tief in der Tragik gehören sie doch zusammen. Dazu gibt es etwas Ekeleffekt, alternatives Storytelling und diffuse Gesellschaftskritik. Das fühlt sich alles furchtbar auseinandergefallen an und genau deshalb wirkt die Geschichte auch ganz und gar nicht grotesk. Eine solche würde sie aber wohl gerne sein, als Verfremdung der Realität ins Überzeichnete, durch die Deformation von Körpern ins Monströse. Nur: Wer sieht das noch, Körper, Emotion, die Basis für die Verfremdung, wenn die Figuren, das Setting, der Kern schnell durch diverse Diskurse überlagert, durch intellektuelles oder sprachspielerisches Gahampel in 1000 Richtungen gelenkt werden. Ja klar, natürlich, die Moderne ist komplex, die Postmoderne umso mehr und heute zerfällt eh alles. Schon gut, aber dann bitte Zerfall mit Fokus, denn pure Wirrnis ist nicht Weirdness ist nicht Groteske, rüttelt nicht wach, irriert nicht, verrauscht. Lieber Schwabs Die Präsidentinnen lesen, das ist übersichtlicher und genau deshalb schneidender. Schwabs Sprache ist in ihrer radikalen Metaphorik auf jeden Fall bemerkenswert. Beide Dramen sind Teil der Fäkaliendramen.

Alle meine inneren Werte verbeugen sich ja vor Ihnen, Frau Herta.
Wir töten und fressen und Sie lieben. Sie sind dem Außenfleisch nicht anheimgefallen. Sie werden höchstens manchmal vergewaltigt, aber wie Sie gebaut sind… da spielt das keine Rolle, Sie wachsen ja sofort nach und werden erst recht eine goldene Jungfrau.

(Werner Schwab: Übergewicht, unwichtig: Unform. In: Fäkaliendramen, Graz/Wien 2013, S. 59-125, hier: S. 101.)

Hans Henry Jahnn – Pastor Ephraim Magnus (1919)

Ein sperriger Name, ein sperriges Stück. Auf meiner Suche nach ekliger/schockierender Literatur um die Jahrhundertwende bin ich auf Hans Henry Jahnn und sein erstes Theaterstück gestoßen. Meine Vorliebe für expressionistische Literatur hat mich auch gleich neugierig werden lassen und ich habe mich voller Freude hineingestürzt. Leider ist das Stück mit Stürzen nicht zu bewältigen. Vor allem sind es unglaublich lange, hochphilosophische Dispute über Gott, Fleisch und Sünde, unendlich düster und verzweifelt, in ihrer metaphernreichen, komplexen Sprache auch formal schwer zu bewältigen. Die konsequent dunkle Atmosphäre gestaltet sich dabei teils als packend teils als ermüdend monoton.

Die Geschichte über eine Pastorenfamilie lässt sich beinahe als stationenhaftes Drama begreifen. Ständig stirbt jemand; sowohl Todesprozess als auch Todesergebnis werden daraufhin reflektiert und höheren Fragen zugeführt. Die konkreten Bezüge, Figurenhandlungen treten kaum hervor, sie dienen vor allem als Ausgangslage für Reflexionsprozesse – das Stück erscheint sehr statisch. Einige Überlegungen erscheinen reizvoll und interessant, andere wirken in ihrer Menschen- und Lebensverachtung doch arg gewollt. Inmitten dieses schweren, nihilistischen Gedankenstroms fallen einem vor allem die gewalt- und ekelhaltigen Gedankengänge der Figuren auf. Zumindest hierbei wurde ich nicht enttäuscht:

Denke Dir, man verrottet und lebt dabei – man ist wie ein verwesender Leichnam und lebt! Man steckt mit seinen Gefühlen in solch von Leichenmoder zerfressenem Fleisch – Weshalb begreifst Du nichts? Weshalb bringst Du mir dies Frühstück? – Willst du die Verwesung an mir mästen? Soll ich an Schmerzen und Kot zerplatzen?

(Hans Henry Jahnn: Pastor Ephraim Magnus. In: Ulrich Bitz (Hrsg.): Dramen I, Hamburg 1988, S. 9.)

Alfred Jarry – Ubu Roi (1896)

„Merdre!“
Alfred Jarrys absurdes Theaterstück Ubu Roi beginnt mit der Verfremdung eines Schimpfwortes. Der deutschen Übersetzung gemäß wird aus Scheiße „Schreiße“. Diese Verfremdungsmethode Jarrys prägt das ganze Stück. König Ubu zeigt sich als dickes, machtgeiles, aber zugleich feiges Wesen. Obgleich sich diese Beschreibung nun leicht auf alle bösen kapitalistischen Machthaber anwenden ließe, ist Ubu kein normaler Mensch. Eher wirkt er wie eine verfremdete menschliche Gestalt. Eine Zeichnung Jarrys zeigt ihn als merkwürdig konturierten Koloss undefinierbaren Ursprungs.

ubu

Mitsamt sprachlich verfremdeten Werkzeugen wie dem Finanzhaken, dem Pfuinanzpferd oder dem Physikstock will „Vater Ubu“ den polnischen König stürzen, um so selbst an die Macht zu kommen. Dieser groteske Putsch führt zu sprachlich vollkommen kühnen Szenarien:

VATER UBU: […] Die Türe verbarrikadieren wir mit dem Physikstock, und wenn jemand versucht, hereinzukommen: soll er sich in acht nehmen, dann kommt der Schreißhaken!!!

(Alfred Jarry: König Ubu. Übersetzung nach Manfred Nöbel, Leipzig 1978, S. 66.; nach dieser Übersetzung sind alle hier angeführten Wortzitate.)

Jarry verzichtet, trotz teils realer Schauplätze, darauf sein Drama der Wirklichkeit anzupassen. Figuren und Geschehnisse erscheinen oft kaum oder lächerlich motiviert, Logik steht oft vulgär-infantile Willkür gegenüber. Das Stück erinnert daher nicht von ungefähr an die dadaistischen Experimente der 1910er-Jahre. Durch die Spannung von konkreter Außenhandlung (Putsch des Königs) und irrealer Ausführung (Schreiße) ist es aber deutlich interessanter und leichter zu konsumieren als die doch sehr abstrakten Wortkaskaden eines Hugo Ball. Im besten Sinne also Surrealismus als Erreichen einer höheren, natürlich seltsamen Wirklichkeit.

Christoph Hein – Bruch (1999)

Bruch ist eigentlich eine klassische Verfallsgeschichte voll typischer Selbstüberschätzung, ungedämpfter Hybris. Der Protagonist und ehemaliger Top-Chirurg Theodor Bruch kann mit seinem orientierungs- und mittellosen Leben kaum mehr etwas anfangen. Überhaupt will er es nicht akzeptieren und ist bereits bei Plänen für eine neue Klinik, eine Bruch-Klinik mit ihm an der Spitze. Dass die Wirklichkeit nicht mitzieht, ist ziemlich schnell klar. Wie Christoph Hein das ganze umsetzt, bleibt aber besonders. In Dürrenmattscher Lakonie und Direktheit  zeigt er doppelsinnig ironische Begegnungen, die nur oberflächlich vom bloßen Scheitern handeln. Dahinter treten interessante Charaktereigenschaften hervor, merkwürdige Vergangenheiten und teils, und dann auch kaum mehr verdeckt, schiere Absurditäten, die auch ins Makabre reichen. Erst letzteres macht das Drama nicht nur tragisch, sondern auch aufregend, böse und, für diesen Blog ganz wichtig, grotesk. Somit ein deutlicher, lesenswerter Abgesang auf die Vergangenheit.

Ewald Palmetshofer – faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete (2014)

Ewald Palmetshofer hat 2009 ein relativ kompaktes Theaterstück geschrieben, aber das eben nur in Bezug auf die Länge. Die faustische Geschichte einer verfehlten Liebe und des Kindermords wird hier medial hochverschränkt dargeboten. Nach innen hin scheint dieses Stück ewig zu reichen, überall Verstellungen, Verweise, Indirektes. Figuren, die Figuren spielen, Medien, die vorspiegeln, spiegelhaft in jede Ecke, ein einziges Spiegelzimmer, natürlich doppel-spiegelbödig. Präsentieren, Verschlucken, Verdauen, (Re-)Präsentieren. Mir ist das zu viel geworden, ich werde zum Freund des Kompakten. Zumindest angesichts solcher postpost-Theaterstücke.