Jan Němec – Die Verwandlung

Die tragisch-groteske Erzählung Die Verwandlung (1912) gehört längst zur Weltliteratur und ist überdies eins von Franz Kafkas bekanntesten Werken. Darüber hinaus besitzt es ikonischen Status. Der Käfer ist Zeichen enormer, kafkatypischer Entfremdung, der sowohl monströse Macht als auch tragische Isolation zukommen. Indem Kafka den zuvor unscheinbaren Angestellten Gregor Samsa in eine solche Form setzt, stellt er einen harten Kontrast zwischen blassem modernen Menschen und grundsätzlich ekelhaftem Tier her. Als Käfer kann sich Samsa sozial nicht mehr einfügen, er wird zum unübersehbaren, missverstandenen Ungetüm.

Jan Němecs TV-Umsetzung versucht diese tragische Isolationserfahrung ebenso unmittelbar wie Kafka einzufangen. Mithilfe einer subjektiven Kamera wird der Zuschauer selbst in den abstoßenden Körper Gregors gesetzt, darf ebenso hilflos wie er die schockierten Reaktionen seiner Umwelt erfahren. Eine Selbstbeschau gibt es nicht, keine Möglichkeit, das Unheil greif- und somit irgendwie verhandelbar zu machen. Der Schrecken ist hier kafkatypisch unfassbar und damit total.
Neben diese subjektive Kamera stellt Němec freie Einstellungen, die zwischen den menschlichen Charakteren in Gregors Umwelt wechseln. Bereits rein visuell entsteht so ein großer Kontrast. Verbindend ist hingegen die gemeinsame Umgebung. Der Großteil des Films spielt in einer engen, farblosen Wohnung, womit nicht nur die Isolation Gregors, sondern auch die seiner Familie deutlich wird. Wie gesagt, das Grauen bei Kafka ist total.

Wenige Mittel werden hier also sinnvoll angewandt und auch die Schauspieler sind solide bis gut. Die geringe Länge des Films lässt den kleinen Spielraum nie zu eintönig wirken und bleibt so auch der prägnanten Buchvorlage treu. Durchbrochen wird die statische Atmosphäre durch die abenteuerlichen Kameraeinstellungen aus Gregors Perspektive und die ironisch-grotesken, durchaus gesellschaftskritischen Blicke auf den Mikrokosmos der Familie Samsa. Bedrückend bleibt er dennoch, dieser kongeniale Film.

Der 55 minütige Film ist in voller Länge auf Youtube abrufbar. Um Bild-Ton-Asynchronitäten zu vermeiden, empfehle ich die fehlerlose Fassung mit türkischen Untertiteln.

Grenzspannungen des Irrealen

Wie bereits in meinem ersten Manifest dargelegt, interessieren mich abgeschiedene Fantasywelten nicht besonders. Mir kommt es auf die Mischung des Irrealen mit dem Realen an. Gerade hier verortet sich eine Problematik, die mich schon seit längerem beschäftigt. Zum Beispiel sehe ich mir immer wieder Filme an, die als absolut irre gesehen werden, bei mir aber kaum eine besondere Spannung auslösen, es entsteht eben nicht der surrealistische Funken zwischen zwei vollkommen getrennten, aber doch verbundenen Gegenständen, „wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont: Les Chants de Maldoror, 1868). Dabei ist es ganz einfach: Um etwas als besonders irre darzustellen, hilft es, das Irre gegen etwas Normales abzugrenzen. Schwarz sieht man am besten auf klarem Weiß.

Warum zum Beispiel irritiert Nikolaj Gogol mit seiner Erzählung Die Nase (1836) noch heute? Das liegt nicht bloß an den irrealen Ereignissen, sondern auch daran, wie unmittelbar und plötzlich diese dort in den Alltag eindringen. Ebenso verfährt David Lynch. Seine Szenarien sind daher so beunruhigend, weil sie sich in unseren Nachbarschaften abspielen, hinter den bekannten Fassaden. Das Irreale gewinnt eine subversive Kraft, da es eben nicht jenseits des Realen angesiedelt ist, sondern genau darunter, darin. Daher interessieren mich postmoderne Romane mit ihrer vollkommenen entgrenzten Wirklichkeit weit weniger als ein romantischer Roman, der zunächst herrlich geordnet, dann aber plötzlich sehr schräg wird. Wo beginnt der Wahn? Gerade an den Grenzen brennt die Unsicherheit, die Ungewissheit, denn dort kann sie an der Materie schaben.

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