Notiz

Man fand die Leiche des jungen Mannes in einem kahlen Zimmer. Die Arme hingen schlaff am Körper herab, die Beine waren kraftlose Anhängsel, der Kopf ein dummes Glied. Der freistehende Gerichtsmann beobachtete die festgezurrte Leiche genau und folgerte aus verschiedenen Blickwinkeln stets dasselbe: Der Mann hing richtig durch, das Seil blieb straff – es war wohl gut befestigt. Eine weitere Beobachtung ergab, dass am Körper des Mannes gelbe Streifen entlangliefen. Man überlegte, was denn damit gemeint sein könne, kam jedoch zu keinem Schluss.
Auffällig war das gelbe Zettelchen, das der Leiche wie in die Hand gedrückt war. Man hatte es erst spät bemerkt, erst dann, als man schon am Gehen war. Eine Botschaft also. Mit einem Blick auf das schiefe Maul des Toten schob man die Nachricht vorsichtig aus dessen Hand. Irgendwie klebte sie fast darin. Man nahm sie langsam in die eigene Hand und als der Gerichtsmann ungeduldig wurde, las man sogleich, was dort stand. Und es stand da nur: Notiz.

Dergestalt, 2014.

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