Michel Houellebecq – Extension du domaine de la lutte (1994)

Michel Houellebecq – der ewige Exzentriker, Analytiker der Seele. Bei meiner ersten Lektüre, der von Soumission (2015), konnte ich schon alle wesentlichen Trademarks erkennen: Eigene Hässlichkeit, Isolation, Probleme der Bindung, ein starker Fokus auf Sexualität und Einsamkeit. Oder wie es in Houellebecqs kontroversem Erstling Extension du domaine de la lutte („Ausweitung der Kampfzone“) heißt: „Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst.“ (S. 173)*.  Die Begegnung mit der Welt schafft mehr Einsamkeiten als Verbindungen. Entsprechend ist der Protagonist des Romandebüts, ein idealtypisch hässlicher Informatiker, vor allem damit beschäft in zynisch-kühlem Tonfall das Scheitern jeder Annäherung und überhaupt jeden Sinns zu konstatieren. Entweder in seinen ziellosen Begegnungen mit Menschen oder in abstrakten Parabeln, die er immer wieder in sein Erlebnisprotokoll einbindet. Ein echter Wesensverwandter von Camus‘ Fremdem, nur ohne jedes Gegenprogramm, ohne konstruktive Philosophie.

Das führt immer wieder zu skurrilen bis irritierend kalten Szenarien. Das kalte Geschäftsleben im Dienstleistungssektor trifft auf menschliche Annäherungen, die vom gesellschäftlichen System jedoch längst vereinamt, verkleidet sind und daher nie gelingen. Was übrig bleibt, sind Loser und Selbstmorde. Houellebecqs konsequenter, antidramatischer Stil, das Fragmenthafte schaffen eine trostlose, asoziale Atmosphäre, die in manchen Momenten Hilflosigkeit, aber auch eine kalte Aggresivität verrät. Menschen rutschen in Schubladen, werden Opfer von Diskriminierungen seitens des Erzählers, immer setzt sich  Houellebecq in Problemzonen. Das niemals voyeurhafte Sezieren dieser Zonen macht den kurzen Roman intensiv und durchweg spannend. Nur so manche, sorgsam artikulierte Entfremdungsplattitüde wirkt im fragmentarischen Kontext etwas billig. Aber auch das mag zum Programm der schonungslosen, banalen und peinlichen Selbstoffenbarung zu gehören.

*Zitat nach: Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Aus dem Französischen von Leopold Federmair, Berlin 2015 (dritte Auflage).

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2 Gedanken zu “Michel Houellebecq – Extension du domaine de la lutte (1994)

  1. Idealtypisch hässlicher Informatiker … das tut meiner Informatikerseele weh. Aber ich befürchte, dass das bei Houellebecq so sein muss. Da fällt mir ein, dass ich mal rauskriegen wollte wie man den Namen spricht. Denn trotz meiner Französischkenntnisse klingt jeder meiner Versuche falsch …

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    • Oh, muss nicht weh tun! Mit dem idealtypischen Informatiker meine ich nicht den Informatiker selbst, sondern nur sein Ideal, also Klischee der Gesellschaft. Das bedient bzw. verhunzt Houellebecq hier auch ganz gut.

      Glaube übrigens, man spricht ihn „uel-beck“ aus.

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