Teuflisch-sinnlos / Joris-Karl Huysmans – Là-bas (1890)

Betrachtet man die Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bleibt die ästhetische Faszination am Dekadenten und Abgründigen kaum zu übersehen. Und Huysmans ist sicher einer der bekanntesten Vertreter. Mit seinen Dandyfiguren tastet er sich an die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft heran und manchmal überschreitet er sie auch gleich. So ganz sicher in Là-bas. Der gewitzte und neugierige Schriftsteller und Bohemian Durtal schreibt dort an seinem Buch über den okkulten Kindermörder Gilles de Rais, wird aber bald selbst immer mehr von den okkulten Mächten der Gegenwart eingeholt. Er muss erkennen, dass das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht nur ein verkommener Pfuhl der Scheinheiligkeit ist, sondern auch den Satanismus selbst beherbergt.

Die Inhaltsangabe ist vielleicht etwas reißerischer geraten als beabsichtigt. Denn eigentlich ist Là-bas wie Huysmans berühmtestes Werk À rebours (1884) ein äußerst unaufgeregter, essayhafter Roman. In deutlicher Ablehnungshaltung gegenüber einer metaphysiklosen, abgeschmackten, schlicht dummen Gesellschaft wenden sich die Protagonisten den Grenzbereichen zu. Leider sind aber auch diese ernüchternd. Jene berüchtigte Passage über eine Schwarze Messe ist zwar derb, zeigt jedoch auch schnell die profanen Seiten des Okkulten. Durtal bleibt in einer Skepsis gegenüber jedem Glauben und überhaupt der bloßen Sinneslust, kann ohne Metaphysik aber auch nicht sein. Ein ziemliches Dilemma. Durch seine ironische, manchmal zynische Note bleibt der Roman dennoch bissig, lebendig und lässt sich flott lesen. Er regt vieles an, lässt vieles offen und beeindruckt nicht zuletzt mit seiner Wissensdichte, was Religion und Gegenreligion betrifft. Darin und in seiner essayhaften Anlage ähnelt er À rebours deutlich, bleibt aber der leichtere, vergnüglichere Einstieg in Huysmans Werk. Kann man verzehren.

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