Das ewig Irreale / Dino Buzzati – I sette messaggeri (1942)

Kafka hat uns alle ein bisschen irritiert. Da war diese moderne Bürowelt, aber genauso jene sonderbaren, fantastischen Elemente. Was daraus entstand, war eine Art Beamten-Überrealität, die sowohl grausig realistisch, als auch vollkommen irreal war. Beste Albtraumware. Dino Buzzati ist mit seiner Kurzgeschichtensammlung I sette messaggeri zwar nicht ganz so radikal unterwegs wie Kafka mit seinen fragmentarischen Welten, legt es aber ebenso auf fiese Kontrasteffekte an. Da geht ein Mann als leicht lädierter Patient in eine Klinik, die nach medizinischem Schweregrad sortiert mit sieben Stockwerken  ausgestattet ist. Zuerst ganz oben und ziemlich gesund, gelangt er durch merkwürdige Zwischenfälle immer tiefer in die abgeschiedenen, dunklen Bereiche der Schwerkranken, obwohl er sich selbst weiterhin als gesund sieht. Schiere Ohnmacht gegenüber einem irrealen System, das die individuellen Wünsche nicht mehr kennt.

Das Irreale tritt oft als Gegner auf. Manchmal gegenüber den machtlosen Individuen, manchmal aber auch gegenüber der herrschenden Klasse. Etwa wird einem schüchternen Angestellten plötzlich eine übersinnliche Kraft zuteil, die ihn über seine selbstherrlichen Chefs erhebt. Mal werden einige siegessicher-erbarmungslosen Drachenjäger von der versteckten tiefen Kraft des schwächlichen Altdrachen böse überrascht. Das Irreale steckt mal im System, mal zersetzt es eben dieses. Jeder, der sich sicher glaubt, wird erschüttert. Das zeigt manchmal optimistische, mal pessimistische Züge. Am Ende bleibt Buzzati als ewiger Zweifler und scharfer Gesellschaftskritiker, manchmal aber auch schlicht als Humanist, der den ewig Geprügelten den letzten Gegenschlag überlässt. Oft parabelhaft, wenig versponnen, teils äußerst eindringlich. Buzzati ist ein guter Einstieg in den magischen Realismus einer hoffnungsarmen Welt.

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