Qfwfg goes Kosmos / Italo Calvino – Cosmicomics (1965)

Italo Calvino hat eine berstende Fantasie. Zunächst vor allem politisch-realistisch unterwegs, entdeckte der italienische Schriftsteller bald die magische Gabe der grenzenlosen Einfühlung. Warum also nicht über Subjekte schreiben, die sich in den undenkbarsten Orten und Zeiträumen aufhalten, nämlich im All oder auf der Erde während ihrer Entstehung, warum nicht über Qfwfg schreiben, der all das mitbekommen hat? Die Kurzgeschichtensammlung Cosmicomics handelt von unmöglichen Alltagssituationen. Vier Bücher mit diversen Themenschwerpunkten zeigen Protagonist Qfwfg auf einer entstehenden Erde, im Universum, in Zellform, in naturwissenschaftliche Gleichungen. Zu Beginn jeder Kurzgeschichte wird eine, oft hypothetische, naturwissenschaftliche Fragestellung zitiert und dann in fantastische Literatur übersetzt. Der Witz der kurzen Erzählungen entsteht dadurch, dass Qfwfg teils sehr normale, menschliche Gedanken hat, während seine Umgebung denkbar unmenschlich ist. Wer oder was der omnipräsente, stets verwandelte Qfwfg eigentlich ist, ist auch völlig unklar. Etwa befindet sich Subjekt Qfwfg einmal im freien Fall, irgendwo im All. Seine einzige Hoffnung ist, während der Falls seinem ebenfalls fallenden Schwarm nahezukommen und den ebenfalls fallenden Konkurrenten aufzustechen. Ein anderes Mal betreibt Qfwfg Mitose und entwickelt seine Geliebte aus sich selbst heraus.

Oft sind es kontextarme Geschichten voller meist vergeblicher Liebe und Annäherungen. Momentaufnahmen, während es eigentlich keine Momente geben kann, da so etwas wie eine klare Zeit- und Ortsangabe gar nicht existiert. Besonders faszinierend ist das Buch gerade dann, wenn sich Calvino mit seinen skurrilen Konstellationen vollkommen austobt und bekannte Naturerscheinungen verfremdet. Gerade die Geschichten über den Mond sind in ihrer surrealen Bildhaftigkeit pures Eyecanding. Mal fällt der zusammengeschrumpfte Mond auf einen Schrottplatz, mal tropfen käseartige Fäden aus Mondmaterie auf die Erdoberfläche. Ebenfalls schön, wenn Qfwfg auf der entstehenden Erde Schrott aus dem All sammeln muss, zunehmend mehr Müll aus anderen Zeitdimensionen antrifft und sich so ein surreales Mosaik aus Fragmenten aller Denkart ergibt: „Die Flußaale von Comacchio, eine Quelle auf dem Monte Viso, eine Reihe von Herzogspalästen, viele Hektar Reisfelder, die syndikalistischen Traditionen der Landarbeiter, einige keltische und langobardische Suffixe […]“*. Weniger aufregend, wenn sich das Buch, gerade gegen Ende in naturwissenschaftlichen Fragestellungen ergibt und vor allem zum Denkspieltext wird, der kaum mehr Bilder, aber vor allem Abstraktionen produziert. Man wird das Buch aber für seine Bilder lieben.

*Italo Calvino: Cosmicomics. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München/Wien 1989, S. 89.

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2 Gedanken zu “Qfwfg goes Kosmos / Italo Calvino – Cosmicomics (1965)

    • Ein Buch im Original lesen zu können, gerade so ein komplexes wie dieses hier, ist natürlich ein Zusatzgenuss, den ich auch gerne gehabt hätte. Freut mich also umso mehr, dass dich meine kleine, deutsche Leserperspektive inspirieren konnte! Danke für das Lob!

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