Elende Textfelder / Heinrich Schaefer – Gefangenschaft (1918)

Nach langer Auszeit gibt es für den geneigten Leser wieder etwas expressionistische Literatur, noch dazu wieder extrem unbekannte. Letzte Woche konnte ich alle Fans exotischer Sexualität zum Valentinstag bereits mit einem Auszug aus Heinrich Schaefers einzigem Roman beglücken. Jetzt will ich aber weg von all den Kotfantasien und generell auf das Buch zu sprechen kommen. Denn tatsächlich geht es nicht nur um besonderen Sex, sondern auch um Mord, Wahnsinn und poetische Fantasien. Der Roman präsentiert die Aufzeichnungen des Gattenmörders Richard Crammen, der diese marquisdesadelike in seinem Gefängnis niederschreibt. Dabei beschreibt er weniger den Mord an seiner Frau und dessen Umstände (unglückliche Ehe mit seiner kotliebenden, ekligen Frau, Affäre mit der wunderbaren Elleanor), als das eigene Empfinden dem gegenüber. Handlung findet kaum und eher in der ersten Hälfte statt; vor allem wird in metaphernschwangerer Sprache über die eigene, düstere Existenz gebrütet.

Okay, das hatte ich schon bei meinen anderen Expressionismus-Kandidaten Paul Adler und Gustav Sack, aber hier wirds besonders krass. Denn anders als bei den anderen ist diese Gedankenballung nicht nach bloß 60 oder 100 Seiten zu Ende – sie erstreckt sich auf beinahe 300 Seiten! Und das wird wirklich anstrengend. Nicht nur weil Crammens Gedanken unendlich wortgewaltig und entsprechend anstrengend zu lesen sind, sondern auch weil sie oft kreisend bleiben. Er selbst stellt irgendwann einmal fest, dass er lieber etwas tun würde, als nur rumzusitzen und zu schreiben. Aber Kraft der Umstände kann er wohl nicht anders und der Leser muss eben mit. Diese Selbstreflexion des gequälten Schreibenden ist natürlich interessant und manche Textstellen sind in ihrer grotesken Komik und morbiden Bildgewaltigkeit auch weiterzuempfehlen, aber wirklich Spaß macht dieses jammerselige Dokument dann doch nicht. Wer einen zweiten, schnittigen American Psycho sucht, ist hier auf jeden Fall falsch. Zum Einstieg in die Welt des gedankenschweren, düsteren Expressionismus empfehle ich obige Werke und jenen leckeren Valentinstagstext.

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