#YOLOCAUST

Von der drastischen Aktion „Yolocaust“ des kulturkritischen Künstlers Shahak Shapira haben sicher schon einige gehört. Mittlerweile ist das Projekt beendet, hat ja auch angemessen Staub aufgewirbelt. Was macht Shapira? Er nimmt sich hippe Selfies der Generation-YOLO, die vor dem Hintergrund des Holocaust-Mahnmals in Berlin geschossen wurden und setzt statt dem Mahnmal Bilder der geschändeten oder toten Opfer des Nationalsozialismus als Hintergrund für die Portraits ein. Plötzlich wirken die Fotos enorm makaber, irgendwie falsch. Shapiras Montagen erwidern darauf nur eines: Es war schon vorher falsch, aber so wollte man es nicht sehen. In der flotten Lifestylewelt mit ihren ständigen Collagen und dem Herzeigecharakter entsteht eine Desensibilisierung gegenüber den Verbrechen der Vergangenheit. Weil das Mahnmal in seiner Erscheinung abstrakt ist, ist es leicht, etwas Eigenes, Spannendes daraus zu machen, einen Sightseeing-Ort mit leckerer Wichtigkeit, aber vielleicht auch einfach nur eine praktische schwarze Kontrastfläche für das bunte Gewirr der eigenen Person, die hier im Vordergrund steht. Shapira kontastiert Vorder- und Hintergrund nun so, dass man nicht mehr bloß von einem grafischen Hintergrund reden kann. Das Schreckliche tritt hervor und wird plastisch. Sehr effekthascherisch, aber gerade darin die adäquate Antwort auf eine Generation, die aus allem den Effekt herauskitzeln will. Hier kommt er also und macht Angst. Tolle Aktion und übrigens zur richtigen Zeit: Heute ist Holocaust-Gedenktag.

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12 Gedanken zu “#YOLOCAUST

  1. Ha – großartige Aktion. Ich hab letztes Wochenende den Trackback Podcast vom Radio Fritz gehört und da wurde von seiner Aktion berichtet. Und obwohl das Medium Radio nicht wirklich visuell ist, konnte ich mir die Ausschweifungen am Denkmal und die daraus entstandenen Collagen sooo gut vorstellen. Es ist auch extrem gefährlich, wenn die Generation Selfie so abstumpft. Hat das Internetzeitalter echt soviele gedankenlose Selbstdarsteller geschaffen?

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  2. Das ist noch nicht zu mir durchgedrungen und ich bin, im ersten Moment jetzt, zwiegespalten in jedweder Hinsicht. Da kommen ja zwei Extreme zusammen und nur die werden auch abgebildet. Schwierig. Man müsste voraussetzen, dass man etwas, was man nicht kennt, in voller Bandbreite erleben kann, nur so entsteht Respekt. Alles andere ist Vernunft und die wird eben nicht oft gezeigt.

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  3. Zwei Extreme. Das Eine ist das eigene Lebensgefühl auf etwas historisch Anmahnendes zu werfen, das andere ist es Leichtigkeit (Darstellung/ Selfies) auf etwas eigentlich nicht Greifbares zu legen. Will sagen, ich finde es schwierig, etwas aus reiner Vernunft zu tun/ tun zu müssen (Fotos vor einem Mahnmal), wenn man den Respekt davor nicht „fühlt“. Gleichzeitig finde ich es schwierig, es auf diese Art und Weise zu kritisieren. Und generell ist beides irgendwie abartig (im Wortlaut). Nichtsdestotrotz kann ich es nicht so verwerflich finden, ein Selfie davor zu machen. Es verbindet den Menschen damit und passt in die heutige Kultur. Der Künstler unterstellt allen Respektlosigkeit mit seiner Darstellung. Das mag sicherlich bei einigen zutreffen, man sollte aber auch die Frage stellen dürfen, warum es gleich verwerflich ist, ein Bild (nichts anderes ist es) vor einem Mahnmal (nichts anderes ist es) zu machen. Was der Künstler verlangt, ist Respekt, was er meint, ist Vernunft.

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  4. Ich drücke es mal drastischer aus. Mein liebster Platz zum Rauchen früher, war vor einem Bachdenkmal. Das ist ziemlich würdelos gegenüber einem Künstler. Ich weiß aber, dass es Bach ist und ich weiß warum es dort steht: Weil ich Tag für Tag davor geraucht habe.

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    • Ah, ich glaube, jetzt verstehe ich!
      Die eigene Bedeutung, die ein Denkmal für einen hat (und sei sie noch so unverschämt für wen anderes) kann man natürlich nicht wegdiskutieren oder weg-anklagen. Ich finde es so gesehen auch okay, wenn man vor irgendwelchen krassen Orten keinen Respekt fühlt. Sobald man das aber in public und mit Herzeigecharakter breittritt, darf man ebenso öffentlich angegriffen werden. Und ich bin dann doch eher auf Seiten Shapiras, weil diese fehlende Sensibilität im öffentlichen Umgang (das waren keine zurückgehaltenen Privataufnahmen) mit der Nazi-Vergangenheit ein Problem der Gesellschaft ist, weil das Erinnern genau an diesem Punkt versagt. Insofern ist es für mich ein Problem, dass man dabei eben nix fühlt, auch wenn der Einzelne erstmal nichts für sein Nichtfühlen kann. Nichtfühlen und Nichtdenken sind an sich schon okay, aber können auch gefährlich sein. Eigentlich ganz schön, wenn man das NICHTS anhand der Selfies auch mal aufgreifen und die passive Masse so angreifen kann. Und Kunst darf in meinen Augen aggressiv und polarisierend in ihren Gesten sein. Ist ja immer die Frage, was man daraus macht.

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  5. Ich versuche es noch mal anders. Es nicht zu fühlen finde ich OK, dafür kann keiner was und das kann man auch nicht beeinflussen. Nicht nachdenken nur bis zu einem gewissen Punkt. Auch das sollte man natürlich. Und es ist auch nicht gut, solche Dinge öffentlich zu verharmlosen.Auch gegen die Aktion habe ich so nichts.

    Um bei der Analogie vom Rauchen zu bleiben. Ich weiß, dass es nicht gut und auch nicht richtig ist (Selfies), aber es ist nicht stark genug, um mich davon abzuhalten. Kommt aber eine persönliche Seite (meine Gesundheit/ eigene Geschichte) dazu, lasse ich es.

    Nur…Wie persönlich kann eine Geschichte, die diese/ unsere Generation nicht mehr direkt berührt, sein? Man kann sagen, das ist nicht gut, was ich da mache, weil es für etwas steht, was nicht gut war. Aber das zu nachzuempfinden ist eine ganz andere Sache und sollte (meiner Meinung nach) auch nicht herbeigeführt/ erzwungen werden. Aber genau das macht der Künstler. Letztlich macht er genau das gleiche. Er erstellt „Abbilder“ über die Erfahrung mit der Geschichte. Nur meint er dafür eine Berechtigung zu haben. Es ist fast noch anmaßender als ein Selfie davor zu machen.

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    • Vielleicht treffen wir uns an dem Punkt, an dem ich sage, dass ich das Gebahren des Künstlers als ähnlich anmaßend empfinde wie die Selfies, aber damit auch adäquat, siehe auch meinen Beitrag: „Sehr effekthascherisch, aber gerade darin die adäquate Antwort auf eine Generation, die aus allem den Effekt herauskitzeln will.“
      Im Prinzip mag ich diese Einmischung von oben/außen in die persönliche Gefühlswelt auch gar nicht, hier aber finde ich sie… sagen wir mal kernig, auch wenn ihr der moralinsaure Beigeschmack nicht ganz abgeht, der das Individuum mit seinen Gefühlen natürlich nur verkennen kann. Wenn da nun ein Politiker o.ä. gekommen wäre und ähnliche Vergleiche/Abbilder gestaltet hätte, hätte mich das vielleicht auch aufgeregt, durch die schmissige Kunstform schien es mir aber passend.
      Vielleicht bin ich dem Künstler da ebenso auf den Leim gegangen wie manch ein Kiddie dem hotten Selfie eines eigentlich unhotten Menschens…?

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