Nachruf / Leonard Cohen – Songs of Love and Hate (1971)

Ich hatte vor Ewigkeiten einmal angekündigt, dass ich dem großen, nun leider verstorbenen Leonard Cohen noch einen kleinen Nachruf widmen möchte, mit Weitsicht aber auch damals schon festgestellt, dass es wohl noch Ewigkeiten brauchen wird. Und ja, nach Ewigkeiten, also Ewigkeiten nach Cohens Tod, kommt er nun.
Leonard Cohen ist mit seiner tiefen Nachdenklichkeit in Stimme und Texten, der ständigen Gebrochenheit und trotzdem leisen bis vergnügten Hoffnung, sicher ein ewiger, großer Einzelgänger unter den Singer-Songwritern. Mit seinen reichhaltigen Verweisen auf Religion und Literatur sind seine Texte oft hochkomplex, manchmal aber auch schlicht, direkt, dann oft traurig. Aber manchmal liegt er auch dazwischen, so in seinem düsterem Meisterwerk Songs of Love and Hate, das in meinen Augen auch sein eindrücklichstes und damit stärkstes Werk ist. So ganz repräsentativ für Cohen ist es zwar nicht, da ihm der gewitzte Charakter, der sonst überall vorkommt, vollends abgeht, aber die Gebrochenheit Cohens bekommt man gleichzeitig wohl nirgends so stark zu fassen wie hier.

Die meisten kennen das Album vermutlich durch den Hit „Famous Blue Raincoat“, der die melancholische Seite des Albums markiert, auf der auch Songs wie „Last Year’s Man“, „Love Calls You by Your Name“ und natürlich „Joan of Arc“ stehen. Hier singt Cohen meist aus Perspektive der Verlassenen und Sehnsüchtigen, zeigt mit wunderbar leisen, aber auch anschwellenden Melodien, wie sich etwas im Inneren öffnen will, aber kein Ziel findet. Gerade im unverhüllt autobiografischen „Famous Blue Raincoat“ räumt er angesichts einer gescheiterten Liebe dem Nebenbuhler resigniert das Feld: „If you ever come by here, for Jane or for me / Well your enemy is sleeping, and his woman is free“. Dann gibt es natürlich noch den traurigen, aber auch kräftigen Song, „Sing Another Song, Boys“, der als Live-Mitschnitt besonders rau daherkommt. Auch hier die pure Melancholie, aber in lebendigem Vortrag.

Das verweist schon auf die andere Seite. Die zeigt sich weniger melancholisch als verzweifelt bis zerstörerisch. Dass diese das Album anführt, zeigt bereits der unheilvoll dröhnende Opener „Avalanche“, dem sich bald die dreckigen Stücke „Dress Rehearsal Rag“ und „Diamonds in the Mine“ anschließen. Diese drei Songs sind in ihrer aboluten Düsternis in Cohens Werk wohl einzigartig. Zeugt Avalanche noch von passiver, bereits aber heftiger Resignation („I myself am the pedestal / For this ugly hump at which you stare“), schlägt „Dress Rehearsal Rag“ in schiere Selbstzerstörung um („Now if you can manage to get your trembling fingers to behave / Why don’t you try unwrapping a stainless steel razor blade?“), während sich der zynisch-abartige Schunkelsong „Diamonds in the Mine“ an grotesken Bildern der Zerstörung weidet. Hier erfüllt sich das Credo des vorangegangenen Songs: „And wasn’t it a long way down, wasn’t it a strange way down?“ Auch kein Wunder, dass ich diesem „strangen“ Song auf meinem Blog noch einmal eine kleine Bühne geben will:

Ah, there is no comfort in the covens of the witch
Some very clever doctor went and sterilized the bitch
And the only man of energy, yes the revolution’s pride
He trained a hundred women just to kill an unborn child

Diese „Downward Spiral“ ist wie schon bei den Nine Inch Nails eine wechselseitige Beziehung aus Selbstzerstörung und der Zerstörung anderer, ebenso wie die Liebe immer das Eigene und Fremde addressiert. So zeigt sich Cohens Abrechung mit ihrem Verlust als Weg in den seelischen und körperlichen Niedergang. Nie geschah dies bei ihm so unverstellt und direkt wie auf diesem Album. Also auch für die Fans: Cohen war nicht nur der ruhige Melancholiker, er litt auch einmal gewaltig. Und aus tiefem Leiden erwächst ja oft die schönste Kunst, Diamonds in the Mine.

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