Ryū Murakami – Coin Locker Babys (1980)

Weiter geht es in meinem japanischen Weirdmarathon von Murakami zu Murakami. Zweiterer hat mit seinem exotisch angelegten Coin Locker Babys einen launischen Genrecrosser am Start, der weniger durch seine tatsächlich Weirdness als durch seine schrille Exzentrik interessant wird. Grob gesagt geht um zwei Jungs, beide wurden als Babys von ihren Müttern in Schließfächern zurückgelassen, glücklicherweise aber rechtzeitig gerettet und Kraft ihres gemeinsamen Schicksals zusammen aufgezogen. Natürlich (tiefen-)psychisch ziemlich gestört, verschlägt es die beiden ruhelosen Individueen schnell in die weite Welt. Hashi will seine Mutter finden, Kiku ihn darauf wiederfinden. Was folgt ist ein ziemlich dystopischer Gang durch Prostitution, Starrummel, Attentatspläne, Mord und natürlich Wahnsinn. Denn sowohl Hashi als auch Kiku haben ihre Ambitionen, beide wollen schließlich mit der Welt abrechnen.

Ja, ein Roman, der damit anfängt, dass Kinder auf den Tod hin in Schließfächer gepackt werden, wird entweder zur Mitleidsklamotte oder zum experimentellen Wagnis. Oder etwas dazwischen? Murakamis Buch gelingt es jedenfalls, verschachtelte, zugleich aufdringliche Symbolik und nachdenkliche Momente mit klarem Unterhaltungsanspruch zu koppeln. Da darf gerne ständig was passieren, da sind die Figuren gerne Stellvertreter verrückter Ideen, alles wirkt in seiner Daueremphase sehr filmisch, groß-leinwandartig. Kein Wunder, dass sich Oliver Stone begeistert davon zeigte. Vielleicht auch, weil das Buch gleichermaßen die düstere Seite zweier gestörter Individuuen nicht verschweigt und sie anhand der industriell-kaputten Umgebung einer weitgehend gefühlslosen Gesellschaft auch ins Äußere übersetzt. Das passt doch ganz gut zu Stones Filmschaffen. Wie bei ihm erfolgt die Befreiung von der kaputten Gesellschaft durch radikale Gewalt, puren Protest, gerne mit physischer Deutlichkeit. Sicher nichts für jeden. Für den einen vielleicht zu fett in seiner Symbolik, für den anderen vielleicht zu düster und verschroben. Irgendwie sitzt das Buch fies zwischen klarer Unterhaltung und Sperrigkeit, ist vielleicht aber auch gerade deshalb interessant. Spritzig.

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