Deutschland / Braves Künstlerland

Eigentlich ist es für den überlegten Menschen blöd, ausgehend von irgendeiner Nationalität zu argumentieren. Aber irgendwie fällt doch auf, dass gerade aus Deutschland gerade kaum radikale Kunst kommt. Zumindest in weitgehend bekannten Bereichen. Und damit meine ich nicht nur den vieldiskutierten toten deutschen Film (der ab und an und an mal wieder aufleben darf), sondern auch die Literatur und teils die Musik. Brutaler, grober Angriff – ich weiß. Aber was mir wirklich fehlt, ist eine befreite, irrationale Kunst, die nicht immer schwermütig und durchreflektiert tun muss, um ihre Ideen zu zeigen. Gerade in der Literatur lässt sich das beobachten. Ein literarisches-irrationales Mashup-Genre wie die Bizarro fiction ist quasi ausschließlich im englischen Sprachraum zu finden, der Magische Realismus ist abgesehen von bemüht-vertrackten Erzählhaufen wie jenen von Felicitas Hoppe auch nicht so richtig in Deutschland angekommen. Deutscher Surrealismus? Haha. Am ehesten geht es noch auf der Dada-Schiene mit Helge Schneider und Christoph Schlingensief, aber die stehen eher alleine da. Ein eigenes, kreatives Genre schaffen? Ne, lieber ständig auf Vorbilder wie Kafka verweisen. Es fehlt definitiv die Lockerheit im Schaffen, die radikale Vorwärtsgewandtheit, die  auch mal spontan-rücksichtslos Dinge miteinander konfrontiert.

Vor allem formal wird wenig vorgelegt. Das zeigt sich gerade am Film. Während in Frankreich (Leos Carax), Amerika (Paul Thomas Anderson), Italien (Paolo Sorrentino), Belgien (Koen Mortier) oder Dänemark (Nicolas Winding Refn) ständig neue Experimente mit dem Filmmedium gesucht werden, bleibt hier alles liegen. Und wenn einmal ein Film formal neue Elemente bringt, fährt er inhaltlich doch eher konventionell und angenehm interpretierbar (Victoria, Der Nachtmahr). Selten ist es so leicht, die eigentlich idiotische Deutschunterrichtsfrage nach dem, was der Autor uns wohl sagen will, zu beantworten wie angesichts des deutschen Films. Lediglich im musikalischen Bereich lässt sich einiges ausgraben, da gibt es in allen Genres deutsche Vertreter – wirklich innovativ ist allerdings wenig. Eher viele Echos auf große, internationale Künstler. Die Zeiten von Can, Einstürzende Neubauten oder Kraftwerk sind jedenfalls längst vorbei. Da braucht es wirklich immer wieder einen Helge Schneider, der das Totalchaos fixiert und damit rücksichtslose, atemlose Kunst, die man sich in Deutschland sonst wirklich herauspicken muss.

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