Dergestalt und die Cineasten

Ich kann das Cineastengehabe nicht leiden. Natürlich nichts gegen Leute, die sich allumfassend mit Filmen beschäftigen, leidenschaftlich die Filmlandschaft erkunden wollen. Leidenschaft ist gut, wunderbar, bringt weiter, aber wenn sie zur ekligen Pose wird, reicht es. Poser und Besserwisser gibt es in allen möglichen Bereichen, Leute, die glauben, genug gesehen zu haben, um anhand dämlich reproduzierter Maßstäbe selbst zu großen Urteilssprechern zu werden. Selten hat das mit kritischer Auseinandersetzung zu tun, viel zu oft werden stattdessen Begriffe wie „meisterhaft“, „eindringlich“, „ergreifend“ oder „perfekte/r/s [hier entweder Kamera, Schauspiel, Drehbuch etc. einfügen]“ verwendet. Immer wird um den kochend heißen Brei getanzt.

Konkret heißt das etwa, dass sich jemand an das Filmgenre herantastet und dazu erstmal die Regiegrößen konsumiert – nothing wrong with that. Nur werden dann oberflächlich diese Referenzmarken einstudiert und zu Pfeilern der Filmwahrnehmung gemacht. Alles, was dann kommt, muss sich in diesem Referenzfeld erst einmal behaupten. Die unglaubliche Macht der Namen ersetzt dabei jede konstruktive Auseinandersetzung. Entweder der Film bringt es eben wie ein Sergio Leone oder nicht – natürlich bringt es kein neuerer Film so weit, denn er müsste dazu ja kanonisiert werden und das geht so schnell nicht. Die großen Filme stehen also mächtig in der Zeit und nichts kommt da heran, es sei denn, es konnte lange genug reifen. Also: Nicht jeder Leone ist deshalb scheiße, aber ich werde ihn gnadenlos mit den Maßstäben messen, mit denen ich auch einen El Topo oder Greaser’s Palace messe. Mit Rücksicht auf die Machart des Films, aber auch mit meiner Subjektivität und meinem Empfinden, das ich versuchen werde, transparent zu machen. Und ich werde weiter so einen Blog führen.

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10 Gedanken zu “Dergestalt und die Cineasten

  1. Jacker hat mir die Frage geklaut. Kann man sich bei der Vielfalt heute überhaupt noch als Cineast bezeichnen? Und wenn ja, sind wir dann nicht alle welche? Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir um den Ansatz des Denkens? Richtig?

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    • Ist natürlich vollkommen richtig, dass so etwas wie ein umfassendes Cineastensein heute eigentlich nicht mehr möglich ist. Umso ärgerlicher, wenn Menschen denken, sie können diese Vielfältigkeit an Filmen reduzieren, indem sie kategorisch ablehnend reagieren, da ihre guten, alten Referenzwerke eh unerreichbar sind. Da haben es unkonventionelle, experimentelle Filme durchaus schwer, die z.B. keine großen Geschichten zu erzählen haben und stattdessen auf ein rein filmisches Erleben zielen (z.B. die von Refn).
      Darum geht es mir, weniger um ein Filmwissen oder bestimmte Kompetenzen: Das Auftreten bestimmter Filmliebhaber.

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      • Ja, ich weiß, was du meinst, denke ich. Eigentlich sind diese Menschen (die nur ihre Meinung gelten lassen und ihre Maßstäbe ansetzen) zu bemitleiden, weil sie immer noch nicht verstanden haben, dass das Kollektiv, in diesem Fall die Vielfalt der Meinungen, Kultur nach vorn bringt. Und wie gesagt, der Begriff „Cineast“ ist für mich schwierig, weil man nicht mal mehr im Kern alles sehen und erfassen kann. Sich dann daraus eine Meinung zu bilden, ist natürlich zwangsläufig, aber diese dann zu generalisieren, schlichtweg falsch. Vielen merke ich aber auch an, dass sie sich im Bereich der Provokation bewegen wollen (schätze ich per se auch erst mal). Das erzeugt eben Resonanz und Auseinandersetzung, setzt aber eine allgemein gültige Meinung voraus, da sonst eben keine Provokation gegeben ist. Kurz: Schwierig. Zum reinen Selbstzweck natürlich bedauerlich.

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    • Haha, die Sache mit der Provokation. Klar, ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. In diesem Fall ist es aber oft auch eine lahme Provokation, denn besagter Cineast hängt damit im ewiggleichen Argumentationsmuster. Sind ja immer dieselben Verdächtigen, die er schätzt und mit denen er die Türen eintritt. Wenig kommunikativ oder voranpreschend jedenfalls. Da sind mir die avantgardistischen Poser fast lieber, die so experimentelle Filme in die Diskussion hauen. Die ewige Lobhuddelei um Hitchcock und Godard usw. geht mir jedenfalls auf die Nerven.
      Okay, für eine reine Argumentationsbasis ist das alles auch etwas diffus, da mein ursprünglicher „Rant“ (wie es Jacker gut getroffen hat) keinen allzu klar umrissenen Gegenstand hat. Eher eine emotionale Bestandsaufnahme, die vielleicht mehr über mich als über den besagten Cineasten sagt. Aber im Groben verstehen wir uns ja. 🙂

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  2. Puuuh … ich habe vermutlich auch schon erlebt, was dich stört. Also Leute, die meinen, dass nur ihr Wort Gesetz ist und alle anderen keine Ahnung haben. Das ist immer schlimm. Ich weiß auch nicht wirklich, was ein Cineast ist und nennen mich selber immer Hobby-Cineast. Hab das schließlich nicht studiert und merke beispielsweise, dass ich bei Reviews schwer auf Kameraarbeit eingehen kann, weil mir da nur die krassen Unterschiede und Abweichungen auffallen (20min ohne cut, oder shaky cam oder sowas). Andererseits denke ich auch nicht, dass die geschulten und studierten immer die besseren Filmkritiker sind … alles sehr subjektiv. Deswegen mag ich so unlockere Menschen auch nicht, die denken, dass sie als einzige mehr als 10 Regiesseure auswendig kennen und deswegen die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben.

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    • Finde es im Grunde auch gar nicht verwerflich, wenn man sich selbst Cineast nennt, nur ist der Begriff für mich durch viele selbsternannte Experten auch etwas ins Negative gerutscht. Eben, weil daran keine Leidenschaft geknüpft ist, sondern der Anspruch, möglichst viel zu wissen und zu kennen – das wird schnell krampfig, vor allem, weil viel mit Kanons gearbeitet wird und viele Maßstäbe der Art „Musst du gesehen haben!“ fast blind kopiert werden. Irgendwie ja auch unkreativ, dieser Zugang. Und unkommunikativ, da besagter Cineast ja eh Recht hat.
      Stimme dir auch zu, dass man, gerade beim Film, der auf so vielen Ebenen arbeitet, auch ohne Schulung viel entdecken und herausstellen kann. Entspannung würde vielen solcher Menschen sicher gut tun!

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