Gitarrenrausch: Rock als Tripmusik

Rock/Pop ist nicht unbedingt die beste Musik, um sich gehen zu lassen. Gerade wenn man Lust hat, seinen aktuellen Bewusstseinszustand etwas herauszufordern, sind klare Strukturen der Art Strophe/Refrain eher kontraproduktiv, denn sie verweisen ja auf das Gegebene: den Alltag, die Einteilung der Welt, die Ordnung. Spannender ist also Musik, die klare Muster überläuft, sanfte Shifts in der Wahrnehmung platziert und subversiv den eigenen Ausgangspunkt verschiebt, einen unter den Füßen weggleiten lässt. Hier einmal drei Psych-Alben, die das tatsächlich können.

Ash Ra Tempel – Seven Up (1973)

Das deutsche Krautrockkollektiv Ash Ra Tempel nahm dieses Album mit dem Drogenpapst Timothy Leary und entsprechend auf Acid auf. Zwei sehr lange Tracks sind daraus geworden, der erste laut und sprunghaft, der zweite sphärisch. Die typische Rockmusikanlage (mitsamt ihren Klischees) wird auf Space fies dekonstruiert. Kurze, in ihrer Mackerattitüde oft überzogene Rock- und Bluessongs werden wie Inseln zwischen fiese Geräuschcollagen gesetzt, welche die Songs wellenartig auch immer wieder überspülen. Die klare Orientierung ist damit schon einmal von Beginn an entzogen. Der zweite Track Time wirkt deutlich aufgeräumter, entzieht sich mit seinen ausufernden Space-Sounds dann aber auch jeder klaren Rockstruktur.

Acid Mothers Temple & The Melting Paraiso U.F.O – Absolutely Freak Out (Zap Your Mind!!) (2001)

Ja, der Name (von Band und Album) ist hier natürlich Programm. Das Album potenziert das, was Ash Ra Tempel (ihr Name war auch Inspiration für diese Band) taten: Zwei CDs (vier Plattenseiten) mit vielen langen Tracks, ganz viel Geräuschchaos und ganz lange sphärische Einlagen. Dazu übelste Noise-Gitarrengewitter, die sich einem klaren Rhythmus immer wieder entziehen. Beinahe schon Gebrauchsmusik für den Drogenkonsum, weil zum Nebenbeihören zu heftig und monoton, aber enorm aggressiv, was die Einwirkung auf den aktuellen Geisteszustand angeht. Trust me.

Neu! – Neu! (1972)

Noch ein Krautkollektiv, das mit seinem Debütalbum Maßstäbe in der Popmusik gesetzt hatte (fragt David Bowie). Der treibende Beat (!) des Schlagzeugs und die feinen Gitarrenspuren darüber versuchen erst gar nicht, irgendwelche klaren Songstrukturen aufzubauen, es wird einfach gejammt. Dazu kommen merkwürdige Sounds, ein bisschen Noise und sogar eine Klangcollage, damit es nur nicht zu gemütlich wird. Trotzdem ein eher entspanntes Album für den Nachmittag, für Freunde der sphärischen Ash Ra Tempel sicher eine Empfehlung. Wer eher Richtung Acid Mothers gehen will, greift sich aus den 70ern natürlich Can mit ihrem experimentellem Tripalbum Tago Mago.

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