Best of Buñuel: Le charme discret de la bourgeoisie (1972)

Die Bourgeoisie oder der wohlsituierte Bürger waren für den wilden Buñuel schon immer Zielscheiben gewesen. Nicht nur in seinen eher sozialkritischen Filmen, sondern bereits im experimentellen Frühwerk, das ich in den letzten beiden Artikeln der Reihe rezensiert hatte. Auch da wurde der Beziehungsalltag eines bürgerlichen Paares auf den Kopf gestellt (Un Chien Andalou) oder eine Festgemeinde durch seltsame Vorkommnisse durcheinandergebracht (L’âge d’or). Dass Buñuels surrealistisches Spätwerk mit Le charme discret de la bourgeoisie wieder gegen ein Bürgerkollektiv geht, verwundert also nicht. Hier ist es wieder eine Festgemeinde, die bei ihren Treffen fortwährend durch irreale Ereignisse behindert wird. Mal durch sexuelle Gelüste, mal durch eine Leiche im Lokal, mal durch einen Militäreinsatz.

Buñuels Spätwerk ist ruhiger und realistischer inszeniert als sein radikales frühes Schaffen, so gibt es hier eine greifbare Handlung mit greifbaren Figurentypen. Auch scheint das kritische Potential offenkundiger, da hier vor allem Figuren / Lebensentwürfe und nicht ganze Realitätskonzepte in Frage gestellt werden. Trotzdem ist der Film, vor allem im Vergleich mit anderen Filmen äußerst merkwürdig, radikal. Mit beinahe beiläufiger Ruhe lässt Buñuel seltsame Figuren auftreten, seltsame Ereignisse passieren und am Ende verschiebt er schließlich auch wieder die Realitätsparameter auf fiese, absolut verwirrende Weise. Man merkt schnell, dass Buñuel seinen neuen Realismus dafür nutzt, einen umso hinterhältigeren Surrealismus zu platzieren. Alles kommt absolut unvorhergesehen, weil leise, tarnt sich als bloße Gesellschaftssatire, nur um in einem unmöglichen Kunstszenario zu enden. So ist Buñuels Spätwerk deutlich leichter zu konsumieren, bisweilen richtig nett, attackiert subversiv dann aber nicht nur den Bürger, sondern auch die Erwartungen des Zuschauers.

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4 Gedanken zu “Best of Buñuel: Le charme discret de la bourgeoisie (1972)

    • Ja, seine Filme sind sehr eigen, finde sie auch nicht immer ganz unanstrengend, werde durch die großartigen Ideen aber immer wieder belohnt. Der hier ist aber verhältnismäßig gut zu betrachten, schwieriger wird es mit Kandidaten wie „Das Gespenst der Freiheit“ oder „Die Milchstraße“, die dramaturgisch ja echt auf einiges kacken. Der „Charme“ hat schließlich sogar einen Oscar gewonnen – so viel zur Kritik am Bürgertum…!

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