Horror und das Unheimliche – Horror und das Surreale

Wer sich immer noch wundert, warum ein Blog wie dieser statt purer Arthausekstase immer noch blöden Horrorfilmen nachhängt, darf einmal diese Gedanken lesen. Denn der Horror ist dem Unbewussten und Surrealen, das dieser Blog gern aufgreift, tendenziell sehr nahe, nur nutzt er es selten wirklich optimal. Daher finden sich nur wenig nachhaltig beängstigenden Horrorfilme, also solche, die über typische Schockeffekte hinaus auf die Psyche wirken, wie ein irritierendes Trauma o.ä. Wichtig dafür ist, dass der Horror, das Unheimliche aufgreift, also das Spiel mit Ähnlichkeit und Verfremdung. [1] So wie der Surrealismus eben keine isolierten Fantasywelten kreiert (famous misunderstanding), sondern im Normalen, Alltäglichen selbst ansetzt und daraus eine Über-Realität kreiert, also eine Realität höherer Ordnung, die im Normalen wurzelt – aber immer noch eine Realität. Dementsprechend erkennt man die Dinge im Surrealismus durchaus noch, aber in verzerrter Form. Das wiederum kann zum Effekt des Unheimlichen führen, der weitab jeder generischen Monsterfratze geht. Oder fragen wir einmal, welche Szenerie beruhigender ist.

Ich betrete ein Lokal voller entsetzlicher Blutspuren an den Wänden. Aus der Küche tritt Geschrei und ein tiefes Dröhnen erfüllt den Raum. Kaum, dass ich mich dem hinteren Tisch nähere, springt eine hässliche Monsterfratze hervor.

Ich betrete ein Lokal. Die Wände sind vollkommen kahl, die Fenster unglaublich klein, eigentlich ist hier nichts, was auf ein Lokal hinweisen könnte. Dennoch weiß ich, dass es eins ist. Am Tisch dort hinten, mit dem Gesicht zur Wand, sitzt ein Bekannter, ich weiß, dass er es sein muss. Doch als ich seinen unbewegten Körper zu mir drehe, sehe ich statt einem Gesicht nur eine blanke Hautfläche.

Letzteres Szenario dürfte dem Traum, wie wir ihn alle kennen, wohl am nächsten sein. Man weiß unerklärlicherweise bestimmte Dinge, auch wenn die Traumumgebung eigentlich nicht darauf schließen lässt. Statt direkten Schocks, klaren Verweisen auf den Schrecken, bleibt eher ein subtiles Gefühl des Unpassenden. Das vermeintlich Bekannte wird schließlich schnell zum Unbekannten und erschrickt in dem Moment, da die klare Weltwahrnehmung bricht, man förmlich den Boden unter den Füßen verliert, da alle Wissenskoordinaten ungültig werden. Desorientierung ist die Folge. Filme wie die von David Lynch zeigen dies. Etwa, wenn in Mulholland Drive (2001) ein bekanntes Lokal plötzlich zum Ort für ein schreckliches Gesicht wird oder bei David Robert Mitchells It Follows (2014), wenn ein überproportional großer Junge in ein deutlich zu kleines Zimmer tritt.

Die Verfremdung des eigentlich Bekannten setzt also dort an, wo wir uns am sichersten fühlen, in uns selbst, in unserem Wissen um die Umgebung. Lynchs Filme spielen auch nicht zufällig oft in überschaubaren Nachbarschaften, in familiennahen Verhältnissen. Auch Franz Kafka hat damit schon gearbeitet. Hier dringen die unwirklichen Kräfte in Arbeitsumgebungen oder Familienverhältnisse ein, verbinden sich sogar mit bekannten Personen. Die Folge ist ein schreckliches Entfremdungs- und Verlorenheitsgefühl, das dem der Depression durchaus nahe kommt. Und hier beginnt der Horror, irritierend, beängstigend und im schlimmsten Falle sogar traumatisierend. Keine exotische Monsterfratze oder kreativ fantasierte Geistergeschichte kommt dagegen an.

[1] Für theoretische Ausführungen und vor allem anknüpfende Literatur (Freud!) empfehle ich den entsprechenden Wikipedia-Artikel.

Advertisements

5 Gedanken zu “Horror und das Unheimliche – Horror und das Surreale

  1. Ein guter Artikel mit gut gewählten Referenzen.

    Leider treten die von dir beschriebenen Aspekte heute viel zu selten in Horrorfilmen auf. In den meisten geht es nur darum eine weitere Grenze zu überschreiten oder Menschen auf noch ausgefuchstere Art umzubringen.

    Apropos „It Follows“, wie fandest du den? Ich bon vor einigen Monaten auf den Film aufmerksam geworden, weil er in den amerikanischen Blogs für Furore gesorgt hat. Ich fand ihn passabel, kann den großen Hype aber nicht teilen.

    Gefällt 1 Person

    • Danke, dein Lob freut mich sehr! Ist mir ja auch ein Anliegen auf die Problematik, das Potential des Horrors, aufmerksam zu machen.

      Wegen „It Follows“ fragst du aber vermutlich den falschen: Ich liebe den Film! Im Artikel habe ich ja schon meine Sympathie durchscheinen lassen, weil der Film dieses Unheimliche sehr gut aufgreift. Gerade, da er das Böse immer nur indirekt erscheinen lässt, teilweise sehr irreale Szenarien (Swimming Pool) wählt und noch dazu stark atmosphärisch arbeitet, hat er mich nicht nur beunruhigt, sondern auch sehr fasziniert. Das Böse als etwas absolut Ungreifbares, teils fast Sphärisches. Damit hat er sich geschickt jeder Kategorisierung oder Fassbarmachung des Gefährlichen entzogen (vgl. damit etwa den Schluss von „Halloween“). Me gusta.

      Gefällt mir

    • Großartig – danke dir! Obwohl ich den Channel sehr schätze, ist es meine Faulheit gegenüber Videoblogs, die mich immer wieder davon abhält, solche Schätze zu heben. Finde, dass im Video wirklich viel von dem vorkommt, was ich auch schon zu Lynch geschrieben/gesagt habe. Fühle mich da sehr verbunden! Danke also nochmal!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s