Überforderung ≠ Weirdness / Werner Schwab – Übergewicht, unwichtig: Unform (1991)

Gerade vorhin habe ich schon wieder ein postmodernes Theaterstück gelesen, Wener Schwabs Übergewicht, unwichtig: Unform. Zeit- und pflichtgemäß natürlich mit Verfremdungseffekten, die dem Leser wie Schmeißfliegen um den Kopf gehauen werden. Die eigentlich eher bodenständigen, vom Autor sogar als banal gewerteten Figuren sprechen in abstrakten, oft enorm ästhetisierten Dialogfetzen mit- oder gegeneinander an. Natürlich ist alles ganz atomisiert, natürlich sind alle Figuren mit sich allein, aber irgendwo, ganz tief in der Tragik gehören sie doch zusammen. Dazu gibt es etwas Ekeleffekt, alternatives Storytelling und diffuse Gesellschaftskritik. Das fühlt sich alles furchtbar auseinandergefallen an und genau deshalb wirkt die Geschichte auch ganz und gar nicht grotesk. Eine solche würde sie aber wohl gerne sein, als Verfremdung der Realität ins Überzeichnete, durch die Deformation von Körpern ins Monströse. Nur: Wer sieht das noch, Körper, Emotion, die Basis für die Verfremdung, wenn die Figuren, das Setting, der Kern schnell durch diverse Diskurse überlagert, durch intellektuelles oder sprachspielerisches Gahampel in 1000 Richtungen gelenkt werden. Ja klar, natürlich, die Moderne ist komplex, die Postmoderne umso mehr und heute zerfällt eh alles. Schon gut, aber dann bitte Zerfall mit Fokus, denn pure Wirrnis ist nicht Weirdness ist nicht Groteske, rüttelt nicht wach, irriert nicht, verrauscht. Lieber Schwabs Die Präsidentinnen lesen, das ist übersichtlicher und genau deshalb schneidender. Schwabs Sprache ist in ihrer radikalen Metaphorik auf jeden Fall bemerkenswert. Beide Dramen sind Teil der Fäkaliendramen.

Alle meine inneren Werte verbeugen sich ja vor Ihnen, Frau Herta.
Wir töten und fressen und Sie lieben. Sie sind dem Außenfleisch nicht anheimgefallen. Sie werden höchstens manchmal vergewaltigt, aber wie Sie gebaut sind… da spielt das keine Rolle, Sie wachsen ja sofort nach und werden erst recht eine goldene Jungfrau.

(Werner Schwab: Übergewicht, unwichtig: Unform. In: Fäkaliendramen, Graz/Wien 2013, S. 59-125, hier: S. 101.)

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