Nikolaj Gogol – Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen (1835)

Eine typisch unterhaltsame Erzählung vom typisch unterhaltsamen Gogol. Reicht in seinem Humor und seiner Absurdität sicher nicht an Der Mantel (1842) und schon gar nicht an das Meisterwerk Die Nase (1836) heran, ist über weite Strecken aber sehr amüsant und bisweilen sogar leicht beunruhigend. Dass das Szenario des Geisteskranken, der sich für den König hält, dabei aber nur in der Irrenanstalt steckt, kaum in seiner Absurdität überrascht, mag an meinem Blickwinkel liegen, eventuell gar der Perspektive einer generell anderen Zeit. Das Szenario ist bekannt, damals war es das wahrscheinlich weitaus weniger, womit das Buch zu dieser Zeit sicher schockierend war. Immer noch sehr amüsant ist der halluzinierte Briefverkehr zwischen zwei Hunden und dessen Auswertung durch den wahnsinnigen Erzähler. Spannend auch sein häufig auftretendes Schweigen, das weitere Gedankengänge stets unterbricht und eine merkwürdige Isolation des Schreibenden schafft. Auch, da die Welt streng subjektiv wahrgenommen wird, die Irritationen der Mitmenschen nur gestreift werden und damit gesichtslos bleiben, die Manie des Erzählers hingegen erfährt eine griffige Prägung. Am Ende wird das ganze auch noch tragisch, aber mehr sei vorerst nicht verraten, eine Empfehlung für Wahnsinnsfreunde aber ausgesprochen.

Darum ist auch der Mond selbst eine so zarte Kugel, dass die Menschen auf ihm unmöglich leben können; es leben dort nur die Nasen allein. Darum können wir auch unsere Nasen nicht sehen, weil sie sich alle auf dem Mond befinden. Und als ich mir dachte, dass die Erde eine schwere Materie ist und, wenn sie sich auf den Mond setzt, alle unsere Nasen zu Mehl zermalmen kann, bemächtigte sich meiner eine solche Unruhe, dass ich Strümpfe und Schuhe anzog und in den Saal des Reichrats eilte, um der Polizei den Befehl zu geben, es nicht zuzulassen, dass die Erde sich auf den Mond setze.

Nikolaj Gogol: Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen. Übers. von Alexander Eliasberg: In: Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen, Köln 2008, S. 7-35 , hier: S. 32.

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