Erzählkino vs. Erlebniskino

Viele Filme werden heutzutage dafür kritisiert, dass sie keine guten Drehbücher haben, dass sie keine guten Geschichten erzählen, oder dass sie ganz klar Style over Substance sind. Da muss man allerdings trennen. Ein unambitionierter Horrorfilm etwa, der ewig dieselben Genremechanismen und Handlungsmuster abklopft, ist darin sicher zu kritisieren. Ein Horrorfilm, der eine scheinbar platte Story erzählt, über das visuelle Narrativ aber seine ganz eigene „Geschichte“ vermittelt, wie It Follows etwa, sollte nicht nach rein inhaltlichen Maßstäben gemessen werden.

Generell gilt doch: Kino ist ein audiovisuelles Medium und damit viel mehr Prozessen offen als der bloßen Bebilderung bereits geschriebener Texte. Manche Regisseure wissen das sehr gut und kommen über das Format Kino zu ganz neuen Experimenten, die das gute alte Drehbuch meist nur noch als Grundlage für unabhängiges, visuell intelligentes Filmdesign nutzen. Beispielsweise Nicolas Winding Refn mit seinem umstrittenen Only God Forgives, der oberflächlich gesehen eine furchtbar banale bis lächerlich überzogene Rachegeschichte erzählt. Visuell zersetzt er das ganze jedoch gewaltig. Indem er einzelne Szenen enorm dehnt, merkwürdig irreale Interludes etabliert, statt klärenden Dialogen Schweigen und Gewalt setzt, entzieht er sich einem leichten Filmkonsum. Er lässt das Phänomen Rache über seinen Fokus auf breitgewordene Bildwelten zu einem mäandernden, schweren Erlebnis werden, das unvermittelt auf den Zuschauer einbricht. Das ruft Abwehrreflexe, Ekel, Langeweile hervor, attackiert den Zuschauer gewissermaßen affektiv-subversiv statt zur intellektuellen Reflexion über klare Inhalte einzuladen. Das klingt nach billiger Suggestion. Aber ist das Kino nicht eben genau das: Suggestion? Und ist ein irrational-dummer Reflex wie der nach Rache noch intellektualisierbar? Man muss über das Medium, die Bilder nachdenken, nicht über ausgemalte Textflächen, über das Wesen der Dinge und wie das Kino sie darstellen, auf seine Weise erfahrbar machen kann. Das ist die Zukunft des Films und daher feiere ich Filme wie Only God Forgives und It Follows. Show, show, never tell.

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7 Gedanken zu “Erzählkino vs. Erlebniskino

  1. Jacker hat mir die Worte geklaut… Ich glaube sogar, dass es notwendige Entwicklung sein muss, sich noch mehr auf das Visuelle zu fokussieren. Aber die Tendenz geht immer mehr zur darstellerischen und verbalisierten Oberfläche, von der so viele bereits alles gesehen haben. Filmschaffende sollten diese Oberfläche endlich durchbrechen und sich das Alleinstellungsmerkmal in der Kunst wiederholen anstatt uns mit Adaptionen, Prequels, Sequels, Spinoffs, Interpretationen und Co. zu langweilen! So. Amen. Danke für deinen Text dazu!

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    • Danke dir für die schöne Ergänzung! Tatsächlich sieht man das ganz gut am Seprequel-Wahn im Kino. Es geht immer mehr darum, noch mehr zu erzählen, mehr Facetten aufzulegen, immer mehr Literatur- bzw. Comicvorlagen zu entsprechen. Ewige Abgleiche statt radikaler Eigeninitiative. Ironischerweise hat sich nun gerade Refn für eine Batgirl-Verfilmung ausgesprochen. Mal schauen, inwiefern er wieder Drehbuch und Visuelles miteinander kontrastieren will.

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      • Davon habe ich auch schon gehört. Aber ich denke, man muss sich da keine Sorgen machen. Ich persönlich mochte Only God Forgives ja nicht so gern, dafür aber The Neon Demon umso mehr. Nach meiner Rechnung darf jetzt wieder ein Reinfall kommen, um danach dann richtig aufzutrumpfen. 😉 Ansonsten kann es zumindest nicht schlimmer kommen. Ästhetisch wird das sicherlich ein Genuss.

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