William S. Burroughs – Naked Lunch (1959)

Ja, nichts mit psychedelisch-surrealer Lektüre ohne den großen Burroughs und seinen Beat-Meilenstein Naked Lunch. Überlicherweise zwischen Jack Kerouacs klar erzähltem Drop-Out On the Road (1957) und Allen Ginsbergs surrealem Versepos Howl (1956) aufgestellt, ist Burroughs definitiv eher letzterem zugeneigt. Sein Roman entzieht sich jedenfalls aller Struktur, Chronologie und wuchert ganz romantisch (vgl. Friedrich Schlegel: Arabeske) wild vor sich hin, kackt dabei (im physischsten Sinne) auf alle Konventionen und lässt immer wieder überrascht aufblicken: Sowas wurde im konservativen Amerika der 50er geschrieben? Oder sind das nicht schon wieder die 60er? Egal, jedenfalls ist das äußerst krasse Prosa mit dem Hang zum Exzess, den Leser jederzeit überrumpelnd, wenn nicht sogar attackierend.

Statt einer Handlung bekommt der geneigte Rezipient diverse Figuren vorgesetzt, die in skurrilen, brutal-sexuell überladenen Kontexten morden, ficken, fixen. Immer wieder ins Überbordernde kippend und doch in ziemlich kühl bis zynischer Sprache zeigt Burroughs Gesellschaftsentwürfe zwischen Wahnsinn und Geilheit. Die grundsätzliche Amoralität und der Egoismus aller Charaktere erinnert gerade auch mit seinen drastischen Resultaten nicht selten an den Marquis de Sade, ist hier jedoch poppiger und überzeichneter. Dennoch eine äußerst krasse Lektüre, die ihre rohe, hingekritzelte Form auch in der erzählten Welt nachvollzieht. Das ist teilweise von hochinspirierender Kreativität, gerade wenn sich Burroughs Zeit lässt, die Mechanismen seiner Welt zu ertasten, aber auch unendlich anstrengend, wenn er assoziativ Bildkomplex an Bildkomplex reiht und den Text so nicht selten vollends ausfransen lässt. Ist natürlich sein erklärtes Ziel, aber trotzdem wohl nur in Dosen zu genießen. Also hier:

Dieses Buch versprüht sich von der Seite aus in alle Richtungen, ein Kaleidoskop von Perspektiven, ein Potpourri von Melodien und Straßenlärm, Fürzen und gellendem Aufruhr und den herunterrasselnden Rollläden der Geschäfte, Schreie voller Schmerz und Pathos und Schreie schwuler Lust, kopulierende Katzen und das Quaken eines Kaulkopfs auf dem Trockenen, prophetisches Gebrabbel des Medizinmanns in Muskat-Trance, brechende Halswirbel und kreischende Alraunen, Seufzer des Orgasmus, Heroin lautlos wie die Morgendämmerung in durstigen Zellen […]

(William S. Burroughs: Naked Lunch. Die ursprüngliche Fassung. Übers. von Michael Kellner. München 2009, S. 260.)

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