Blogparade: Gegen den Strom – 10 unbekannte oder unbeliebte Lieblingsfilme

Eigentlich bin ich ja kein Fan von tausend Blogaktionen, ständiger Interaktion mit anderen Blogs. Daher gibts neben dem schönen Media Monday auch keine Blogparaden, Interviews oder sonstige Aktionen. Ausnahmen sollen aber die Regel bestärken. So diese wunderbare Blogparade vom Blog Singende Lehrerin. Passend zu meinem Blogschwerpunkt soll ich eher unbekannte Lieblingsfilme aufzählen – nichts leichter als das! Nebendwo Blogpower!
Die Liste ist ohne Wertungsordnung, eine bloße Aufzählung diverser eher unbekannter Meisterstreiche. Der Indiefan wird sie vielleicht alle kennen, der Mainstreamzuschauer die Augen reiben. Egal – alles tolle Filme.

Luis Buñuel / Salvador Dalí – Un Chien Andalou (1929)

Viel will ich zu diesem großartigen und vielleicht surrealistischsten Film aller Zeiten gar nicht mehr schreiben, da ich vor kurzem erst einen Artikel dazu verfasst habe. In kurz aber: Ein maximal irrsinniger Kurzfilm voller irrealer Situationen, pure Hirnscheißerei voller subversiver Bilder. Ein einziger filmischer Angriff auf den Zuschauer und darin hoch attraktiv und wahnsinnig lustig.

Todd Haynes – I’m Not There (2007)

Unbekannt ist dieser Film nicht unbedingt, allein, weil Cate Blanchett für ihre Performance diverse Preise einheimste und…ja, weil es um niemand geringeren als die Musikerlegende Bob Dylan geht. Von Fans eher kontrovers aufgenommen, versucht dieses hyperambitionierte Biopic, die Künstlerfigur Dylan in ihrer Wandelbarkeit zu fassen. Dazu spielen verschiedene Schauspieler Dylan in seinen verschiedenen musikalischen Phasen. Dabei geht der Film nicht immer chronologisch vor, vernetzt sogar die diversen Dylans miteinander, was ein leicht dissoziiertes Bild ergibt. Dazu Orignalsongs von Dylan, aber auch sehr gelungene Cover und fertig ist das vielleicht kreativstmögliche Biopic der Filmgeschichte, das durch seine schrill-surreale Machart wohl näher an der Kunstfigur Dylan ist als jedes noch so akkurate Protrait.

Leos Carax – Holy Motors (2012)

Nicht viele aktuelle Filme nehmen es so hart mit Buñuels Frühwerk auf wie Carax‘ kühner Kunstfilm. Diverse Handlungsstränge zeigen Monsieur Oscar bei seinen Streifzügen durch die Stadt. Wie bei Haynes zeigt sich diese Figur dabei maximal facettenreich. Mal tritt Oscar als Bettler, mal als irrer Kobold, mal als melancholischer Familienvater, mal als Killer, mal als monströse Computerfigur auf. Alles kaum miteinander vermittelt und teils bis ans Maximum symbolisch verdichtet. Oscar wird nur er selbst, befindet er sich in seiner eigenen Limosine, aber auch dort bleibt vor allem unfassbare Melancholie, die den Film schließlich auch zauberhaft werden lässt. Ein echtes Kinofest, wahnsinnig und wunderschön.

Gilles Bourdos – Renoir (2012)

Dieser Film dürfte sowohl die Kategorie unbekannt als auch eher unbeliebt treffen. Für viele ist Bourdos Biopic zu den letzten Lebensjahren des großen Impressionisten Pierre-Auguste Renoir ein hübsches, aber inhaltsarmes Filmchen, nette Abendunterhaltung, die sich aber auch etwas zieht. Für mich ist der Film wie schon Haynes Film der Versuch, dem künstlerischen Werk der portraitierten Figur ästhetisch möglichst nahe zu kommen. Entsprechend versucht der Film mit modernen Mitteln impressionistische Stimmungen zu erschaffen. Die Bilder wirken unglaublich luftdurchflutet, das Licht scheint sanft und umhüllend und die südfranzösischen Schauplätze bringen vollkommenes Urlaubsfeeling. Dazu eine Geschichte über Generationen, Liebe und Krieg, die weniger banal umgesetzt ist, als sie vielleicht zunächst scheinen mag. Die Dialoge setzen sich kritisch mit dem Leben des Malers auseinander und bringen sein Werk ins Spannungsfeld der Zeit (aufkommende Moderne), das aber auch nur andeutungsweise, was wiederum zum Stil des Films passt. Ein großartiges Werk, ästhetisch konsequent und eindringlich.

Alejandro Jodorowsky – The Holy Mountain (1973)

Auch diesen Film habe ich hier schon rezensiert. Auch dieser Film gehört zu den wenigen Werken, die sich mit dem frühen Irrsinnigkeiten Buñuels anlegen. Für manche ist Jodorowskys opus magnum auch noch krasser. Insgesamt ist der Film aber immerhin mit einer weitgehend nachvollziehbaren Handlung ausgestattet und sogar einem kommentierenden Ende. Was dazwischen passiert, gehört dennoch zum abgedrehtesten, was das Kino je hergegeben hat: Sexfabriken, essbare Christusfiguren oder Gold-Scheiße-Verwandlungsmaschinen. Ganz großartig.

David Lynch – Inland Empire (2006)

Lynchs bisher letzter Film ist wahrscheinlich auch sein unbekanntester und wohl auch unbeliebtester. Für viele hat er hier sein Mindfuck-Konzept viel zu weit getrieben und das auch noch in hässlicher Handkameraoptik und auf fast drei Stunden. Ja, anstrengend, irgendwie prätentiös ist der Film definitiv. Aber auch unfassbar düster, beklemmend, auf geniale Weise vielfach durchbrochen und mit einer düsteren Hasen-Sitcom ausgestattet! Als Freund des merkwürdigen Kinos war ich sehr angesprochen, wenn auch nervlich etwas überbedient. Aber gutes Kino darf auch mal überfordern.

John Cameron Mitchell – Shortbus 2006)

Auch schon hier besprochen, ist dieser Film einfach unübersehbar, wenn man auf kreatives queeres Kino steht oder überhaupt mal einen radikal-lebendigen Indiefilm sucht. Wilde, exotische Sexszenen treffen hier auf merkwürdige Animationssequenzen und melancholische Einsichten. Noch dazu ist der Soundtrack eine echte Indiepop-Perle und die Figuren wirklich tolle Menschen, die man selbst einmal gern in seiner dunkelsten Stunde treffen würde. Sehr belebend!

Dean DeBlois – Heima (2007)

DeBlois Dokumentarfilm zur Islandtour von Sigur Rós ist ein kongeniales Werk. Die sphärische, beinahe außerirdisch ätherische Musik der Post-Rock-Band trifft hier auf die wunderbar wilde Heimatinsel („Heima“) der Bandmitglieder. Der Zuschauer erkennt sofort, wie sehr die Umgebung diese wunderbare Musik inspiriert hat und wie gut beides hier wiederum miteinander harmoniert. Mit der vollen Gefühlspalette ist dieser weitgehend stumme Film (es gibt nur wenige kurze Interviewschnipsel mit einer bescheiden-ruhigen Band) ein ideales Einstiegswerk für alle Interessierten. Bild und Klang in purer Synthese.

Giorgos Lanthimos – Dogtooth (2009)

Was für ein wunderbar fieser, kaputter Film! Mann und Frau erziehen ihre Kinder auf einem abgeschiedenen Grundstück, konditionieren sie so zu vollkommen irren Aktionen – letztlich sind die Menschen nichts mehr als liebgewonnene  Tiere, die irgendwann aber auch durchdrehen müssen. Lanthimos, der aktuell vor allem für seinen prominent besetzen The Lobster große Beachtung erfährt, hat mit seinem zynisch-surrealen Debüt das griechische Kino gleich mitten in mein Sichtfeld gepflanzt. Ohne große Erklärungen, dafür aber mit der vollen Palette an menschlichen Extremerfahrungen versetzt er den Zuschauer für einige Zeit in eine unbequeme fremde Welt, die in ihrer merkwürdigen Art aber auch unfassbar faszinierend erscheint und nicht zuletzt sehr skurril.

Christiane Cegavske – Blood Tea and Red String (2006)

Unmöglich, diesen skurrilen Stop-Motion-Film ohne seine krasse Entstehungsgeschichte vorzustellen. Die Regisseurin und alleinige Gestalterin dieser winzigen Puppenwelt arbeitete 13 Jahre, um das Werk zu vervollständigen. Entsprechend liebevoll detailreich zeigt sich die Handlung um die Familie der Vogelwesen, die mit den aristokratischen Ratten um den Besitz einer mysteriösen Puppe kämpft. Unendlich viele Symbole, fehlende Dialoge und irre Drogenvisionen verschieben den Film ins Mitternachtskino. Ein sehr erwachsener, bisweilen sogar düsterer Film, der das Puppenkino in vollkommen neue Dimensionen hebt.

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7 Gedanken zu “Blogparade: Gegen den Strom – 10 unbekannte oder unbeliebte Lieblingsfilme

  1. Wow! Aufgabe komplett erfüllt, denn ich kenne vom Namen her nur „I’m not there“, und selbst den habe ich (leider) noch nicht gesehen. OK, verglichen mit dir bin ich ja eine reine Mainstream-Anhängerin, auch wenn ich mir manchmal einbilde, dass ich das nicht bin bzw. sein will.

    Danke für die Erweiterung meines Horizonts – habe mir einige Filme vermerkt! 🙂 Schön, dass du bei meiner Blogparade mal eine Ausnahme gemacht hast! 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Sehr gute Auswahl! Hab die Hälfte gesehen und mag sie alle weit mehr als nur ein bißchen!

    Besonders RENOIR und die Sigur Rós (<3) Doku reizen mich von den ungesehenen sehr.

    Finde INLAND EMPIRE auch etwas anstrengend, aber er funktioniert so wundervoll von jeglichen Strukturen losgelöst. Man spricht ja oft von "Stream of consciousness" und das traf selten besser zu. Eine Reise durch Stimmungen (und Lynch's sowie die eigene Psyche).

    Und CHIEN, DOGTOOTH und die zwei HOLY M.s sind sowieso alles Meisterwerke – insofern: well done 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Danke, danke! Wenn du Sigur Rós sowieso magst, ist die Doku himmelschreienste Pflicht!
      Und der Begriff des „stream of consciousness“ passt sehr gut zu „Inland Empire“. Ich finde Lynch ist da nur konsequent gewesen, so war ja schon „Mulholland Drive“ strukturell und atmosphärisch losgelöster als „Lost Highway“, wenngleich noch mit klaren Symmetrien. „Inland Empire“ ist dann der Free Jazz unter den Lynch-Werken.

      Gefällt 1 Person

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