Hunter S. Thompson – Fear and Loathing in Las Vegas (1971)

Zur Sommerzeit ein sommerliches Buch, das in der Hitze sicher auch bewusstseinstrübend wirken kann: Hunter S. Thompsons wunderbarer Drogen-Klassiker Fear and Loathing in Las Vegas! Wir begleiten Thompsons Alter Ego, den Reporter Raoul Duke bei seinem Versuch (!) über ein Wüstenrennen bei Las Vegas zu berichten. Zusammen mit seinem ominösen Anwalt (!) Dr. Gonzo zelebriert er dort den hemmungslosen Selbstexzess, der den eigentlichen Berichtgegenstand schnell zugunsten derber Drogengelage verlässt.

Was zunächst wie billigste Druxploitation klingt, also wie der Versuch, einen flachen Plot als Basis für wilde, selbstherrliche Exzesse zu nutzen, hat bei Thompson tatsächlich Methode. Thompsons halbfiktivier Roman (tatsächlich war auch er auf einer solchen Mission, wenngleich nicht auf ähnlich radikale Weise) führt in kühner Weise Thompsons Konzept des Gonzo-Journalismus aus. Dabei geht es weniger um die klassisch-journalistische objektive Abbildung der Wirklichkeit, sondern vielmehr um das berichtende Subjekt selbst, das nun selbst Gegenstand der Berichterstattung wird. Mit diesem Metansatz legitimiert Thompson die Drogenerlebnisse nun als Versuche der Protagonisten tiefer in die eigene, amerikanische Volksseele, den amerikanischen Traum einzudringen, also weit über das simple Event eines Wüstenrennens hinaus. In drogenbedingter, skurriler bis radikal-irrealer Verfremdung zeigt Thompson ein Post-Hippie-Amerika, in dem die Suche nach dem großen Lebenstraum nur in ziellosen Nihilismus führen kann. Die große Drogenvision der 60er ist hier nur noch eine selbstentfremdende Reise in das groteske Nirgendwo, das Amerika geworden ist. Die existentialistische, kulturkritische Schiene ist also das eine, andererseits ist der Roman auch einfach nur extrem lustig mit seinen vollkommen bescheuerten Situationen, die nur durch die lässige Entrücktheit ihrer Protagonisten halbwegs Bodenhaftung gewinnen. Definitiv Pflichtlektüre für alle Freunde der intelligent kaputten Unterhaltung.

By this time the drink was beginning to cut the acid and my hallucinations were down to a tolerable level. The room service waiter had a vaguely reptilian cast to his features, but I was no longer seeing huge pterodactyls lumbering around the corridors in pools of fresh blood. The only problem now was a gigantic neon sign outside the window, blocking our view of the mountains – millions of colored balls running around a very complicated track, strange symbols & filigree, giving of a loud hum…

Hunter S. Thompson: Fear and Loathing in Las Vegas, London 2005, S. 27.

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