John Cameron Mitchell – Kreatives, queeres Kino

Umso offener die LGBT-Gemeinschaft in der Gesellschaft auftritt, umso klarer ihre Lebensentwürfe und Gedanken den offenen Diskurs bestimmen, umso deutlicher wird auch von der Kunst verlangt, diese Phänomene zu verhandeln. Großartig also, wenn sie wie beim amerikanischen Regisseur John Cameron Mitchell schon längst zur Stelle ist und das queere Leben nicht bloß behandelt, sondern sich ohne Berührungsängste direkt hineinstürzt.

Mitchells erster Film, das Rock-Musical Hedwig and the Angry Inch (2001), beschreibt den Werdegang von Hedwig (Mitchell himself), einer Drag-Queen. Charismatisch tourt sie mit ihrer Band durchs Land, muss sich dabei aber auch mit sich selbst und ihrer Lebensgeschichte auseinandersetzen. Vollkommen wild und schrill, ganz im Stil karnevalesker Geschlechterkaruselle wie der legendären Rocky Horror Picture Show hält sich der Film an keine Maßgaben, sondern drückt seine positiven und negativen Gefühle mit unfassbarer Kraft aus. Dazu nimmt er sich, was er kriegen kann: Zeichentricksequenzen, Mitsingeinlagen, Illusionsbrechungen, überhaupt viele irreale Szenen. Geschlechter- und Identitätsproblematiken finden wunderbare Bilder, die nie zur Stagnation, sondern immer wieder zum Weiterleben ermutigen. Rock’n’Roll eben, in perfekt queerer Glam-Symbiose.

Auf anderer Ebene konnte Mitchell auch mit seinem Nachfolger einige Akzente setzen. Shortbus (2006) zeigt mit diversen expliziten/hardcore-Sexszenen das Beziehungsleben in einem New York nach 9/11. Deutlich melancholischer und vorsichtiger nähert sich Mitchell hier verschiedenen Paaren unterschiedlicher sexueller Orientierung, lässt sie viel miteinander sprechen, erkennt ihre Entfremdungsängste in einem post-kuschligen Amerika, aber vergisst schließlich auch die großartigen Bilder nicht. Auch hier muss sich die aufgestaute Energie in purer Kraft orgiastisch entladen: In einem wahnwitzig schrillen Sexclub, dem „Shortbus“, treffen alle Figuren zusammen und stimmen in eine große Orgie ein. Wieder verschwimmen Geschlechtergrenzen, die Liebe ist, wie im Rock’n’Roll, auch hier überall. Die wunderbar warmen Bilder, gerahmt durch ausgefallene Animationssequenzen und natürlich wieder die tollen Figuren machen das queere Leben hier porentief greifbar und gleichzeitig zur großen Feier der Liebe.

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