Gustav Sack – Paralyse (1914)

Wie auch Paul Adler hat Gustav Sack einen Roman über das Verrücktwerden geschrieben. Paralyse handelt vom psychischen Niedergang des Protagonisten, dessen Unfähigkeit, die eigenen Gedanken noch adäquat auszudrücken zu können. Unter anderem jedenfalls. Ebenso geht es überhaupt über die sprachliche Erfassung der Welt, wie man sie von Nietzsche bereits als problematisiert kennt. Größtenteils gelingt es dem Protagonisten nämlich, die Problematik der Wirklichkeitsdarstellung durch das Individuum festzustellen, erst am Ende muss er sie durch den Wahn selbst erleiden, da er auch gar nicht mehr davon schreiben kann. Er verliert sich, wie schon Hölderlin und Nietzsche in seinen Gedanken, bleibt der Welt in seinem Zimmer gegenüber verschlossen. Wie schon Adlers Nämlich bricht der Roman ab, der Protagonist verstummt plötzlich.

Trotz anspruchsvoller, hochkomplexer Gedanken und großer Sprachfertigkeit ist Sacks Roman deutlich weniger sprachexperimentell als Adlers Text. Sack lässt seinem Protagonisten noch meist die Möglichkeit, über die eigenen Probleme in der Wahrnehmung zu reflektieren, so schnell wie bei Adler stürzt er nicht in den Wahn. Vielmehr gleitet er sanft in irreale Situationen, etwa als plötzlich klar wird, dass er mit seinem Rucksack ein Gespräch beginnt. Grotesk, aber gleichzeitig von großer philosophischer Klarheit ist Sacks Text hochinteressant für alle Nietzsche-Freunde und Dekadenten. Aber auch sonst sind seine sprachlichen Bilder und Gedanken enorm faszinierend.

Und so begannen sie mit ihrem Kopf die aufgeschüttete Erde festzustampfen. Dabei wurden ihre Sprünge höher und höher und es sah am Ende wohl aus, als tanze über dem Grabhügel ein Schwarm abenteuerlicher Riesenmücken – wie man an Sommerabenden, wenn nach einem Regen die Sonne noch einmal scheinen will, die Mückenschwärme an den Wegrändern tanzen sieht.
Dann fiel ich zurück ins Nichts.-

(Gustav Sack: Paralyse. In: Paralyse. Der Refraktär. Neuausgabe des Romanfragments und des Schauspiels mit einem Anhang von Karl Eibl, München 1971, S. 30.)

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2 Gedanken zu “Gustav Sack – Paralyse (1914)

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