Ernst Jünger – Besuch auf Godenholm (1952)

Ernst Jünger ist den meisten Lesern durch seine Kriegstagebücher In Stahlgewittern (1920) bekannt und damit verbunden auch als zweispältige Figur des antidemokratischen bis kriegsverherrlichenden Elements. Ganz anders scheint sein späteres Interesse an psychedelischen Erfahrungen, seine Korrespondenz mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann, sein Essay Annäherungen. Drogen und Rausch (1970). Und auch in seiner Prosa ist dieser Einfluss deutlich spürbar, so in der Erzählung Besuch auf Godenholm.

Das Werk handelt von drei Personen, die auf eine karge nordische Insel fahren, um dort über eine Art Guru transzendierende Erfahrungen zu erhalten. Ihre Unzufriedenheit mit den oberflächlichen Phänomen der Welt und ihr Leiden daran führen sie zu tieferen Sinnschichten. In der Nähe des Gurus Schwarzenbergs erhalten sie tiefe Einblicke in das Wesen des Menschen, das Universum und vieles mehr. In psychedelisch-glänzenden Bildern kippt das Buch in fasziniert vorgetragene Symbolismen:

Die Strahlen und Gitter der Wunderblume schwenkten in neue Ebenen, in neue Felder ein. Myriaden von Molekülen beugten sich der Harmonie. Hier wirkten die Gesetze nicht mehr unter dem Schleier der Erscheinung; der Stoff war so fein und so ohne Schwere, daß er sie offen spiegelte. Wie einfach und zwingend das alles war.

(Ernst Jünger: Besuch auf Godenholm, Frankfurt am Main 1952, S. 67.)

Was Jüngers Prosa von diversen „Love is all you need“-Erlösungsplattitüden abhebt, ist sein genaues Gespür für Stimmungen und sein Wissen um den Punkt, an dem der Mensch immer zweifeln muss. Dass er den Zweifel beibehält und die letzte Stufe einer Erleuchtung offenlässt, macht ihn sympathisch. Jedoch bleibt auch bei ihm der esoterische Beigeschmack, einem diffusen Erlebnis beigewohnt zu haben, das der beschriebenen Figur emotional erschienen ist, für den Leser aber bloß seltsam abstrakt, blutleer verbleibt. Bei aller bildschaffenden Gabe bleibt Jünger ein guter Skeptiker, ein Guru ist er nicht.

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