Der zeitgenössische Horrorfilm

Der zeitgenössische Horrorfilm ist selbstzufrieden. Er weiß, wie er die Leute mit hoher Wahrscheinlichkeit schockt und wie er düstere Stimmungen schafft. Für das eine helfen Jump-Scares, für das andere Farbfilter. Das ist nett, man mag die Macher beglückwünschen, aber irgendwie ist es auch enorm fad – sehen will man die Filme selbst nicht mehr. Daher komme ich auf einem halbwegs ambitionierten Blog wie diesem auch schnell in Erklärungszwang, wenn ich über den Horrorfilm schreibe. Was für ein trivialas, billiges Genre – bloße Effekthascherei.

Gut. Der Horrorfilm definiert sich zunächst nicht durch irgendwelche Inhalte, sondern durch seinen Effekt: die Angsterzeugung beim Zuschauer. Das bietet grenzenlose Möglichkeiten, weil man so herrlich durch das Unbewusste streifen kann – eigentlich ein psychologisch ambitioniertes Genre. Ob Freud oder die Psychoakustik (tiefe Bässe) – das Genre sucht seine wissenschaftlichen Entsprechungen. Aber warum muss das oberflächlich bleiben? Warum verharrt man als Filmmacher beim bloßen Reiz und ist mit seinem Film fertig, wenn man ihn erreicht hat? Warum sucht man nicht entsprechende Inhalte und Bilder? Warum schafft man nicht mehr von einer beunruhigenden Idee ausgehend? Eine Idee jenseits der ewiggleichen Geistererscheinungen und Tapferkeitskämpfe oder den bösen Monstern und sterbenden Teenies? So bleibt es leider beim Abklopfen oberflächlicher Reize und bei einem psychologisch interessanten Konditionierungsspielchen, das die eigentliche Tiefe des Grauens aber uninteressiert hinter sich lässt.

Für eine schöne Vertiefung der Problematik empfehle ich diesen großartig geschnittenen und klug kommentierten Video-Essay von Channel Criswell.

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10 Gedanken zu “Der zeitgenössische Horrorfilm

    • Das stimmt natürlich. Auf solche Filme will ich demnächst auch noch als schöne Ausnahme eingehen.
      Leider bleibt es aber auch bei Ausnahmen, bei denen ich noch nicht absehen kann, ob sie das Genre langfristig verändern werden. Noch scheint das blinde Vertrauen in typische Buh-Mechanismen nicht verloren gegangen zu sein. Auch spannende Vertreter wie z.B. „The Innkeepers“ oder „The Babadook“ kommen nicht ganz ohne diesen Effektkirmes aus. Das Ungreifbare scheint leider vor allem den Filmmachern große Angst zu bereiten.
      Vor dem Hintergrund dürfte dir wahrscheinlich klar sein, warum ich „It Follows“ so großartig fand und hoffe, dass noch mehr solcher desorientierenden, erlösungsfreien Horrorfilme folgen werden.

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      • Habe eben, als ich die Antwort verfasste, auch an IT FOLLOWS gedacht. Mir selbst ist das Ungewisse auch immer am liebsten, weil es genügend Projektionsfläche bietet auf der man resonieren kann. Auf ICH SEH ICH SEH bin ich auch gespannt.

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  1. Da sprichst du ein generelles Problem an, welches ich auch ein Stück weit immer auf den „Durchschnitts“-Zuschauer zurückführe, der eben auch nicht mutig ist. Das Essay scheint sehr gut zu sein. Muss ich mir später noch anschauen.

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    • Ist sicher richtig. Gerade auch, weil der Horror eben ein dummes Nischendasein zwischen Arthausanspruch und Massenbefriedigung besitzt. Oft laufen die Filme dann eben nur in Multiplex-Kinos und da hängen leider oft die „falschen“ Zuschauer rum. Die mutigen, vielleicht ambitionierteren Zuschauer haben dann aber oft wieder zu viel Angst/Abscheu vor der Effektlastigkeit des Horrors, sodass vieles leider unbetastet bleibt.

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