Nikos Nikolaidis – Singapore Sling (1990)

Wann trifft man denn schon auf einen Cocktail (!) aus unverhohlenem Film-Noir, Brecht’scher Illusionsbrechung und dekadenz-verschrobener SM-Fantasie? Singapore Sling verbindet leichterhand alles Mögliche miteinander, befeuchtet, elektrisiert, sexualisiert bis zum Exzess. Handlungen werden dabei zu Handlungsmöglichkeiten, alles wird vage und doppelbödig. Am Ende ist da nur Schmerz, Schmerz als ewige Geilheit.

Singapore Sling beginnt fast schon parodistisch noirgetreu in S/W, mit stetem Regenfall, Saxophon, einem Detektiv, der Kriminalfall und Leidenschaft nicht mehr auseinanderhalten kann und die Kontrolle verliert. Er sucht Laura, eine verlorene Sehnsucht. Nur trifft er hier auf ein schickes Anwesen mit zwei irren Frauenfiguren, die face-to-face zum Zuschauer ständig neue Identitätswechsel spielen. Souverän gebieten sie über Wahrheit und Lüge. Die Mutter erscheint als herrschsüchtig und nervös, die Tochter als traumatisiert und sexbesessen. In ihren grenzenlosen, alle Grenzen des Inzestuösen und Vergewaltigenden mühelos überspielenden Fickfantasien fordern sie den Rahmen des Noir-Genres nicht bloß heraus, sie zersetzen ihn.
Die diffuse Sehnsuchtsfigur Laura erscheint hier immer wieder, die Unfähigkeit des Detektivs ist omnipräsent. Und diese Kombination aus Lust und Schwäche kostet der Film aus. Er überführt sie in obskur-krasse Sexpraktiken, die oft die Grenze des Bedeutenden zugunsten exotischer Pornografie verlassen. Gleichzeitig fordert der Film in seinen vielschichtigen Motiviken und Identitätsspielen heftig heraus, sodass man zwischen Sinnlichem und Intellektuellem kaum mehr einen Gedanken fassen kann. Irgendwie will man selbst nur noch kotzen, denn das ist alles irgendwie zu viel, aber irgendwie fühlt sich das, wie für die Protagonisten, auch ziemlich geil an.

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2 Gedanken zu “Nikos Nikolaidis – Singapore Sling (1990)

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