Paul Adler – Nämlich (1915)

Ich ging in Wäldern, in Wäldern
Nämlich
In Wäldern. Nämlich.
Da kam ein guter Mensch.
Nämlich
Im Walde erhub er seinen Finger.
Nämlich

(Paul Adler: Nämlich, Dresden 1915, S. 26)

Zeit für eine besondere Literaturempfehlung. Ein unbekanntes Buch eines unbekannten Autors, also fast eine missionarische Aufgabe: Man muss es lesen! Gut, sofern man dem Unverständlichen nicht vollends abgeneigt ist. Denn Adlers Buch über den „wahnsinnigen“ Paul Sauler ist weit mehr als eine klare Fallbeschreibung, es wird zum Fall selbst. [1]
Kann der Protagonist noch zu Anfang selbst reflektieren, dass etwas mit seinem Geisteszustand nicht stimmt, überschwemmen ihn die Momente des Wahns bald vollkommen und zersetzen seine Aufzeichnungen.

Dass Adlers Buch trotzdem nicht zu einem fahlen Gedankenexperiment verkommt, ist der wunderbar poetischen, klug gesetzten Sprache zu verdanken. Scheinbar willkürliche Assoziationen schaffen durch Häufungen, Verknüpfungen bald ihren eigenen Referenzkosmos, der mal bedrohlich, mal schön, oft aber auch beides ist. Denn Nämlich ist sowohl ein Buch über den Verfall als auch die Neukonstituierung einer Welt. Was Paul Sauler im Laufe der Erzählung verliert, ist augenscheinlich sein Verstand, dafür erhält er aber etwas anderes. Er übersteigt das Reale in einer quasi protosurrealistischen Vision von irrealer, mystischer Schönheit.
Obgleich Nämlich in seiner Radikalität seiner Zeit einerseits weit voraus war und mehr an die Formsemantiker James Joyce, Arno Schmidt, vielleicht sogar David Foster Wallace erinnert, entsprach es ihr andererseits in hohem Maße. Im Expressionismus (ca. 1910-1920) war der Wahnsinn vor allem Möglichkeit, die defizitär rationalistisch-wilhelminische Gesellschaft zu überkommen und etwas neues, gefährlich Kühnes zu schaffen. Paul Adler ist dies mit seinem Buch auf wunderbare Weise gelungen. Man muss es lesen!

[1] Vergleiche hierzu die aufschlussreiche Monografie von Moritz Baßler: Die Entdeckung der Textur: Unverständlichkeit in der Kurzprosa der emphatischen Moderne 1910–1916, Tübingen 1994, hier S. 33.

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5 Gedanken zu “Paul Adler – Nämlich (1915)

    • Leider noch nicht, obwohl die 70-Jahre-Frist dieses Jahr (!) eigentlich erlischen müsste (1946 ist Adler gestorben). Der Mann ist sehr unbekannt, daher gibt es heute nur noch wenige Ausgaben, die natürlich entsprechend teuer gehandelt werden. Von demher würde ich einen Upload sehr begrüßen, gerade zwecks Verbreitung des tollen Texts.

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  1. […] Nämlich von Paul Adler. Mensch, was für ein irrer Gassenhauer. Dieser vollends in der Versenke verschwundene Roman von Paul Adler ist auch noch heute ein sehr rücksichtsloser Ritt in den Kopf eines Irren. Da geht es bunt, mystisch und teils ziemlich fies zu. Sprachlich jenseits von gut und böse und auch ansonsten ein feuchtfröhlicher Kandidat für den ewigen Strandurlaub mit Sonnenstich. […]

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