Alejandro Jodorowsky – El Topo (1970)

Über den historischen Wert von El Topo muss nicht mehr gesprochen werden. Über dessen inhaltlich-formale Vielschichtigkeit kann man aber unmöglich schweigen. Denn Jodorowskys Acid-Western schreit dem Zuschauer in seiner Verquertheit, Plakativität, aber auch kontextloser Brutalität entgegen, zwingt diesen, irgendeine Haltung zu entwickeln, denn beiseite kann man diesen lebendigen Film kaum lassen.

Zwischen Westernposen, comichafter Groteske und Spiritualität versucht El Topo, der die Heldentaten und die Selbstfindung eines Westernhelden zeigt, elementaren Fragen nicht nur inhaltlich, sondern auch formal zu entsprechen. Und das ist neu, schwierig, lässt Leute diesen Film gerne voreilig als Schwachsinn oder kombinatorisches Kunststückchen abtun. Jedoch ist er das sicher nicht. El Topo ist in seinen Verweisen nicht nur sehr deutlich und konsequent, sondern fügt auch seine vielen surreal-unerklärlichen Schübe in ein solches Verweissystem. Das Undenkbare wird in einem neuen System greifbar, fühlbar, wenn auch nie richtig denkbar. Aber gerade dieser feine, ewige Abstand zwischen Zuschauer und Film macht El Topo dann doch so interessant.

Protagonist El Topo ist weit mehr als ein Westernheld. Jodorowsky bedient sich beim Westerngenre, gern spielerisch bis ins Groteske verzogen, wie die Banditenszenen zu Anfang beweisen. Er verwirft es aber auch wieder, wenn klar wird, dass man dem Spirituellen mit Waffengewalt und noch so großen Kampffähigkeiten nicht nahekommen kann. Schließlich ist es vielmehr eine Art der Humanität, die auf die ureigenen, positiv-schaffenden Fähigkeiten zurückgeht. El Topo ist qua Name der geborene Gräber, so kann er für andere ein besseres Leben erstreben statt es bloß zu nehmen. Gleichzeitig macht er sich so auch verletzlich, darin liegt die Tragik seiner Geschichte. Der einsam-harte Westernheld zeigt sich bei Jodorowsky als zu einfache Figur. Wie in seinem opus magnum The Holy Mountain (1973) muss es am Ende zum Bruch mit dem Bekannten oder Vermeintlichen kommen, um tiefere Sinnschichten freizulegen. Am Ende muss die schöne Westernwelt untergehen.

El Topo ist sicher kein einfacher, aber dennoch lohnenswerter Film. Gerade in seiner ersten Hälfte bietet er fantastische Bilder, großartige Farbkontraste und wahnwitzige Begegnungen. Die zweite Hälfte fällt dagegen geordneter, psychologischer und klar gesellschaftskritisch aus. Die Beschäftigung mit Menschlichkeit und Verantwortung lässt hier leider auch weniger Platz für das Irreale. Mehr Radikalität hätte mir da gefallen, aber auch die schenkt Jodorowsky dem Zuschauer nicht einfach.

Advertisements

2 Gedanken zu “Alejandro Jodorowsky – El Topo (1970)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s