David Lynch/Mark Frost – Twin Peaks (1990-1991)

Sehr spät, aber besser als nie komme ich endlich zu meiner großen Lynch-Wissenslücke. Und sie ist geschlossen – endlich! Aber auch gleich eine Korrektur, denn die Serie bloß auf Lynch zu reduzieren, wäre den vielen anderen Kreativköpfen dahinter nicht nur unfair gegenüber, sondern auch irreführend. Klar, steckt hier einiges an Lynch drin, aber auch sehr viel Untypisches. Vor allem sind es die vielen liebevoll schrulligen Charaktere und die romantisch-rustikale Stimmung, die man in Lynchs Hauptwerk vergeblich sucht. Sogar die vergleichsweise geerdete Kleinstadthymne Blue Velvet (1986) war mehr elegant als lieblich, viel düsterer als dieses Kleinod. Ja, wie Leitfigur Dale Cooper darf sich der Zuschauer in Twin Peaks langsam einleben und lernt bald dessen ganz eigene, wunderbare Luft atmen. Neben jedem dunklen Aspekt steht ein heller, teils gehen diese Aspekte sogar ineinander über. Das vermögen sowohl die vielschichtigen Charaktere als auch die dynamische Inszenierung. So changiert die Stimmung der Serie, in ihren besten Momenten fließend, zwischen Idyll und Albtraum. Und genau hier ist Lynch schließlich zu finden.

Denn ihm geht es doch immer um das Surreale und er findet es im tieforiginären Amerika, der Folklore, in Twin Peaks. Die Jugendliche Laura Palmer wird hier tot aufgefunden und man macht sich an die Aufklärung eines Mordes – jedoch trifft man dabei auf jede Menge düstere Geheimnisse. Im Kleinsten setzt Lynch hier an: an den netten Schubladen, den putzigen Holzscheiten, den schönen Eulen und tranformiert sie langsam ins Irreale bis Unheimliche – und siehe, die Welt zieht mit. Ja, in seinen besten Momenten merkt der Zuschauer gar nicht, wie sich die scheinbar bodenständige Welt Twin Peaks‘ langsam verändert, denn der Holzboden bewegt sich, verrutscht, die Erde darunter wird sichtbar. Ja, man darf wühlen. Und was zum Vorschein kommt, ist dann ganz fremd, gehört als Irdisches aber doch zu uns – das Unbewusste.

[Achtung: Beim Weiterlesen besteht Spoilergefahr!]

So viel erst einmal zum Charme und geistigen Kern der Serie. Kein Wunder, dass bei diesem genial-konzipierten Cocktail alle in Verzückung geraten. Und ich sage es auch: Twin Peaks ist herausragend, spannend, bis heute andersartig und ein berechtigter Klassiker. Ungebrochen komme ich mit dieser Begeisterung jedoch nicht mit. Während Staffel 1, gerade auch aufgrund des kompakten Umfangs, ohne Durchhänger mitnimmt, wenn auch nicht überwältigt, bringt Staffel 2 zwar zu Beginn die großartigsten Begegnungen und den stärksten Spannungsaufbau, aber auch einen erheblichen Bruch in der Dynamik. Denn kaum ist es soweit, kaum ist gelüftet, wer der Mörder ist, ist die Spannung verschwunden. Hell und Dunkel driften lose auseinander und können für sich genommen nur noch teils überzeugen. Das Helle geht mit langweilig-uninspirierten, häufig auftretenden Comic-Abrissen wie Lucy/Andy/Dick mehr ins Gagheischende und nimmt auf abrupte Weise spannendere Konstellationen aus dem Fokus (Donna – James, Ben – Jerry, Anyone – Laura). Das Dunkle hingegen verabschiedet sich weitgehend vom vage-düsteren Symbolkabinett und wird zum schematisierten Kampf von Gut und Böse, bei dem nur manch groteskes Overacting etwas aufrütteln kann. Die unmittelbar erscheinende Surrealität eines Lynch verschwindet dabei zugunsten fahler Mysteryspekulationen und skurril-netter Situationskomik quasi vollkommen. Erst im Finale, das vom Meister selbst inszeniert ist, kehrt sie zurück und kreiert ein wahnsinniges Kabinett, faszinierend und gruselig wie seine späteren Meisterstreiche Lost Highway (1997) und Mulholland Drive (2001). Rücksichtslos zersägt er dabei, beinahe als sei er unzufrieden mit der Entwicklung seiner Serie, das ganze Filmuniversum und lässt den Zuschauer irritiert zurück. Dark Lodge instead of Twin Peaks – eine Aussicht auf seine harmoniefreien späteren Filme. An sich stehe ich drauf – für die Serie wäre es vielleicht aber gesünder gewesen, hätte man den Rest gleichmäßiger mit einer solchen Surrealität durchdrungen.

So bleibt Staffel 2 und damit auch Twin Peaks in Teilen doch schematisch bis uninspiriert und das ist für so ein visionäres Projekt schon ein hartes Urteil. Aber nur dieses eine Urteil, sehr viel anderes spricht für die Serie: Konzept, Schauspiel, Atmosphäre, Wiedererkennungswert und vor allem diese Mischung, dieses Stück Lynch, das zwar nicht alles, aber jede Menge ist.

 

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