Art Spiegelman – Maus. A Survivor’s Tale (1989/1991)

Ich würde mich selbst nicht als Kenner bezeichnen, aber so manche Graphic Novel habe ich schon gelesen. Trotzdem habe ich von der bekannten und gefeierten Erzählung Maus lange nichts gewusst. Dabei ist Art Spiegelmans Werk über den Nationalsozialismus und die Verfolgung und Tötung der Juden ein hochambitioniertes Werk, das mit seiner besonderen, für manche vielleicht irritierend expressiven Prämisse aus den vielen Beiträgen zum Thema enorm hervorragt. Artman erzählt hier aus eigener Perspektive die Erlebnisse seines jüdischen Vaters, der von den Nationalsozialisten verfolgt, gefangen und beinahe getötet wurde, durch Geschick und Glück jedoch überleben konnte. Die Besonderheit liegt nicht nur darin, dass diese Parabel in Form einer Graphic Novel erscheint, sondern auch, dass alle Figuren darin durch Tiere dargestellt, ja, sogar doppelbödig typisiert werden. Trotz ihrer ansonsten menschlichen Gestalt besitzen die Juden Mäuse-, die Nazis Katzen-, die Polen Schweine-, die Amerikaner Hundeköpfe usw.. Angesichts Adornos Skepsis der Kunst nach Auschwitz gegenüber mag das eine radikale Reaktion sein. Es sind nicht nur Worte, sondern ganze Bilderketten und noch dazu eine schwierige Metaphorik, greift diese nicht nur das bekannte Katz-Maus-Bild auf, sondern auch die Propaganda-Metaphorik der Nationalsozialisten, nach welcher die Juden z.B. Ratten, Ungeziefer seien.

Spiegelman verfährt damit jedoch äußerst reflektiert, lässt die Fragwürdigkeit solcher „Identitäten“ immer aufscheinen. Etwa, wenn die typisiert schlicht gezeichneten Mensch-Maus-Juden auf echte, realistisch gezeichnete Ratten treffen. Oder wenn sich diese zur Tarnung entsprechende Tiermasken aufziehen. Als Spiegelman als Autor selbst mit Mausmaske über sein Werk reflektiert, wird die Schwierigkeit dieser Typisierungstendenz endgültig greifbar. Dennoch behält er sie bei und gibt seinem Werk so eine unglaublich radikale Schlagkraft.
Beschwichtigende Erlöserkunst will er nicht schaffen, dafür steht bereits sein reduziert-grober S/W-Zeichenstil, der das Lesen auf Dauer durchaus anstrengend macht. Der kargen Situation wird so jedoch adäquat entsprochen. Inhaltlich werden ebenfalls keine Helden geboren. Problematisiert wird etwa das schwierige Verhältnis zu der traumatisierten Elterngeneration, die sich nicht selten von ihren Kindern isoliert oder in schwierige Verhaltensmuster verfällt. Aber auch die Kinder verfangen sich in Schuldkomplexen angesichts dem für sie undurchdringbaren, verhältnislosen Leid ihrer Eltern.
Maus ist ein sowohl radikales, als auch weitsichtig-reflektiertes Werk geworden, das rein sprachlich gut lesbar, zeichnerisch und symbolisch aber manch schwierigen Haken schlägt. Aber das soll sie ja, die Kunst.

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