Genreliebe #4 – Folk/Acoustic

Meine letzten Genrefavoriten waren immer solche, die auf elektronische Verfremdung setzen – alles mehr oder weniger psychedelisch, im weitesten Sinne. Nun folgt eine krasse Gegenüberstellung, denn so definieren sich Folk und Acoustic gerne. Beides Musikgenres, die, so vielfältig sie schließlich sind, auf unmittelbar akustische Instrumente zurückgehen. Vor allem sieht man da eine akustische Gitarre, aber auch Trompeten, Xylophone oder Violinen. Man will hier kaum, oder nur sekundärst, etwas verfremden. Vor diesem Hintergrund wundert also nicht, dass Bob Dylan für seinen Einsatz elektronisch verstärkter Instrumente von seiner Folk-Fanbase heftig attackiert wurde. Ein Genre, das in steter Gegenüberstellung bestand. Glücklicherweise gibt es da den heutigen Indie-Folk. Also bleibt auch dieser einmalige Blogausflug ins genuin Schlichte mit Verfremdungen durchsetzt. Tut mir Leid.

Folk war, gerade zu Zeiten Dylans, das Medium, um zu mobilisieren, herzensnahe Kritik zu äußern. Diese Kritik kam direkt von der Straße, den Clubs, den einzelnen Menschen. Und auch deutlich später, sieht man Musiker wie Elliott Smith oder Nick Drake, stand der Folk für einen, in diesen beiden Fällen geradezu schmerzlichen, Individualismus. Dieser Individualismus hängt ganz genuin mit der Musik selbst zusammen. Wenn man klein und direkt bei sich anfängt, liegt die akustische Heimgitarre natürlich näher als die große Bühne. Wenn dann eher kleine Bühnen, etwa die im Greenwich Village der 60er. Elektronische Verfremdungen nahm man zu dieser Zeit allein deshalb nicht vor, weil die Technik damals entweder kaum vorhanden oder sehr teuer war. Heute ist das natürlich anders und diese fundamentale Gegenüberstellung damit aufgeweicht. Jeder kann, gerade im Nachhinein am Heimcomputer, eigene Aufnahmen verfremden, sei es nur, indem man einen Beat unters Gitarrenspiel schiebt. Viele Indie- (oder gern auch Hipster-)Künstler, etwa Dillon, Soap & Skin, Sóley oder Coco Rosie nehmen ihre akustischen Schlafzimmeraufnahmen und vermengen sie geschickt mit elektronischen Elementen. Folk/Acoustic ist als Genre also noch weiter, breiter, unübersehbarer geworden. Daher werde ich meine grundsätzlichen Anmerkungen auch gar nicht weiterführen und zeige stattdessen mit ein paar Hörtipps die ebenso grundsätzliche Bandbreite des Genres.

Leonard Cohen (Frühphase)

Ich war tatsächlich kurz am Überlegen, welchen Klassikerliebling ich hier nehme und habe mich dann gegen Dylan und für Cohen entschieden, der ist von beiden auch „unbekannter“. Gleichzeitig muss man aber auch schon aufpassen, ähnlich wie Dylan ist auch Cohen nicht bei ein paar Zupfereien geblieben, ist instrumental sogar noch weiter gegangen. Also nicht bloß Rock, Country, Gospel etc., sondern elektroreinen Herzenspop (I’m Your Man (1988), Ten New Songs (2001)). Gar nicht uninteressant, gerade Cohens tiefdringende Stimme entgegen der aufdringlich-flachen Klangspielereien. Mir aber dann, mit Ausnahmen, zu kitschig und ablenkend. Schöner also und dem Genre gemäßer seine frühe Folk-nahe Phase (1967-1971). Obwohl mit kraftvollem Frauenchoreinsatz steht hier vor allem Cohens schräg-greifende Stimme im Vordergrund. Unglaublich plastisch eröffnet sich hier nicht nur über die großartig metaphorischen Texte, sondern gerade über deren Vortrag, eine einzigartige Poesie. Viel zurückgenommener, straffer als Dylans surreale Wortreigen der Mittsechzigeralben, aber ebenso irreal, verformt, merkwürdig. Das kommt vor allem auf seinem Meisterwerk Songs of Love and Hate (1971) heraus. Zwischen Melancholie und aggressiver Verzweiflung setzt Cohen traurige bis perverse Bilder, eine Existenz, die nahe an der Zerstörung steht. Hier wieder: Folk als extrem nahe Ausdrucksform, bei Cohen bis zur Selbstzerstörung herangedrängt. Quasi ein Genreexperiment.
Die Klassiker kennt man, ich empfehle trotzdem noch einmal „Famous Blue Raincoat“, dann aber auch das wunderschönste „One Of Us Cannot Be Wrong“ und das (wörtlich zu nehmen) atemberaubende „Avalanche“.

Great Lake Swimmers

Hier sind wir schon in der Gegenwart, beim Indie-Folk des 21. Jahrhunderts. Diese kanadische Band verkörpert für mich wie keine andere, eine Art kanadisches Naturgefühl. Schon der Bandname verweist auf die Natur, gleichzeitig auf den Menschen darin, als Schwimmer, der sich so in ihr ergibt. Entsprechend bleibt die Band, trotz E-Elemente, meist bei akustischen Zupfinstrumenten und vor allem bei dem wichtigsten Akustiksintrument, der Stimme. Zu recht, finde ich, denn die Stimme des Sängers Tony Dekker ist wirklich wunderbar, zart, fein, ganz anders als Cohen, sicher auch nicht so eindringlich, als purer Klang aber erst einmal schön. So zeigen sich auch die feinsinnigen Lyrics in ihrer vorsichtigen, aber treffenden Art. Hörtipps sind „Your Rocky Spine“, „Changing Colours“, „Everything Is Moving So Fast“.

Bon Iver

Überhaupt kein Unbekannter mehr, aber doch hat er jede Aufmerksamkeit verdient. Zwar darf man bei ihm nur angesichts des ersten, zurückgenommenen Hüttenalbums For Emma, Forever Ago (2007) wirklich von Folk sprechen; dort aber nimmt er einen sofort mit. Ein wunderbares Falsett, großartige Melodien voller gezielt schöner Störungen. Das ist Melancholie in feiner, zeitgemäßer Perfektion. Still und leise empfehle ich natürlich auch den tollen Nachfolger. Hörtipps sind „Flume“, „Skinny Love“, „re: stacks“.

Beirut

Zum Abschluss darf es auch einmal lebhaften Folk geben. Sicher auch nicht unbekannter als Bon Iver, aber auch hier ist jeder Ruhm verdient. Beirut machen, ungeachtet ihres Namens, nicht bloß Balkan-Musik. Zum einen ist es immer noch amerikanisch kompakter Pop mit vielen Blasinstrumenten und bisweilen auch etwas Elektronik, zum anderen zeigt bereits das zweite Album einen Ausflug nach Frankreich. Trotzdem, irgendwie denkt man doch immer wieder an halbexotische Straßenmusik, wenn man Beirut hört. Ein simples Rip-Off solcher Musik bietet die Band trotzdem lange nicht. Neben den herausragend schönen Melodien ist es auch hier wieder eine wundervolle Stimme, die von Zach Cordon, der nicht nur viele Instrumente spielt, sondern auch schwelgend-pathetisch über die melancholischen Trompeten singt. Es ist einfach Musik für einen ausgelassenen Grillabend, vielleicht sogar den letzten unter guten Freunden. Abschiedsmusik zum Weinen, Tanzen und Lachen oder wie es Cohen singt: „[…] it’s time that we began to laugh and cry and cry and laugh about it all again.“ („So Long Marianne“). Hörtipps sind „Mount Wroclai“, „Postcards from Italy“, „Guyamas Sonora“.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s