Louis Aragon – Anicet ou la panorama (1921)

Louis Aragons Name ist untrennbar mit der surrealistischen Bewegung verbunden. Entsprechend erwartet man bei seinem Romandebüt einen Reigen wirrer Bilderkompositionen, wie man ihn von den Champs magnétiques (1919) kennt. So gesehen kann man durchaus enttäuscht werden, denn Anicet ou la panorama ist in keinster Weise ein Resultat  automatischen Schreibens oder auch nur annähernd zerfallen in seiner Sprachstruktur. Gleich zu Beginn wird festgestellt, dass man sich der bekannten Sprache bedienen möchte, wenngleich man sich ihr auch nicht beugen will. Es ist also wie so oft bei den Avantgarden, man rebelliert heftig, fängt in der selbstgeschaffenen Leere aber schnell zu zittern an.

Besser also, wenn man textnah beim Titel bleibt und ein Panorama des avantgardistischen Geisteslebens der beginnenden 1920er-Jahre erhofft. Anhand der Lebensgeschichte des Poeten Anicet führt Aragon dabei vieles auf. Schriftsteller, Maler, Schauspieler, Geschäftsmanner, alle treten hier zusammen – bisweilen in deutlicher Spannung zueinander. So wundert es nicht, dass Aragon für seine realen Vorbilder Pseudonyme gewählt hat. Ein heiteres Beieinander, wie es gern im historischen Rückblick konstatiert wird, ist hier kaum gegeben. Spannend ist vor allem, wie Aragon die surrealistischen Vorbilder Rimbaud und Valéry sowohl mit Anerkennung als auch Distanzierung behandelt. Obgleich der Wesensähnlichkeit war der Surrealismus niemals bloßer Symbolismus.

Trotz fehlender Strukturnähe zum surrealistischen Prinzip will Aragon  durchaus stilistische Innovation. Bei bloßen Symbolen soll es nicht bleiben. Wie in Carl Einsteins experimenteller Prosa Bebuquin (1912) tritt die äußere Handlung zugunsten theoretischer Überlegungen deutlich zurück, wird von den Subjekten diskursiv-spielerisch genutzt, dabei gern auch überdehnt. So erhält man einige Verfremdungen, abrupte Ortswechsel, viele Farben, bisweilen auch stark irreale Bilder, dies aber immer durch die distinguierten Gesprächssituationen in Fassung gehalten. Spannend wird Anicet vor allem dann, wenn sich Aragon bei der, von den Surrealisten sehr geschätzten, filmischen Krimiästhetik (v.a. Fantômas) bedient und seine Protagonisten zwischen Dialog und tollkühne (Verbrecher-)Handlungen bringt. Schließlich wollte der Surrealismus, und das macht das Buch durchaus deutlich, nicht bloß Theorie, sondern vor allem Lebensphilosophie sein. Anspruch und letztlich auch Untergang der Bewegung, wie man weiß.

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