Gaspar Noé – Love (2015)

Es ist immer spannend anzusehen, wenn sich ein radikaler Formkünstler an geerdetem Inhaltskino versucht. Wobei Gaspar Noés Ausflug in die schwierige Beziehungsgeschichte von Murphy und Elektra zunächst wie ein weiterer Enter the Void wirkte: 3D-Sex auf 141 Minuten? Klang zunächst nach einem weiteren Trip. Und leider muss ich sagen: Wäre es einer gewesen, hätte das den Film weitaus interessanter gemacht, weil es angesichts des unbestreitbaren Talent Noés spannende Formfragen aufgeworfen hätte. Tatsächlich enttäuscht der Film mit seinem Fokus auf einer klischeehaften Liebesgeschichte und verkommt oft zur nervend einfältigen Beziehungsschau.

Es beginnt und hängt am autobiografisch überformten Protagonisten Murphy, der in Til-Schweigerscher Dauererregung glaubt Welt, Liebe und Metaphysik überblicken und fassen zu können, schließlich aber doch nur ein eingeschränkter, schweißnass-prustender Kunstprolet bleibt. Gerne das, was man Noé selbst vorwirft – man könnte es hier bestätigt sehen. Von den heteronormativen und transgender-Klischees ganz zu schweigen. Murphys Gegenüber bleibt dagegen ungreifbar, entsprechend trägt sie den obskur-vielsagenden Namen Elektra. Klug komponiert (oder vielleicht doch nur einem weiteren Klischee nach) treffen hier männliche Profanität und weibliches Geheimnis aufeinander. Vor der Folie der diffusen Elektra-Figur zeichnen sich Fragen ab, die sich jeder Liebende wohl einmal gestellt hat:
Was ist Liebe?
Wie dauerhaft ist Liebe?
Wie schmerzhaft ist Liebe?
Wie weit geht Liebe?
Was ist Liebe?

Soweit so einfach, soweit so anspruchsvoll, will man diesen Fragen filmisch genügen. Noé hatte in Irreversibel und Enter the Void ähnlich philosophische Bereiche betreten und sie mit experimentellem Erlebniskino hochsubjektiv, aber so auf die einzig nachvollziehbare, weil angemessen vage Art bearbeitet. Hier will er nun echtes Drama bringen und tut das mit all den Problemen holprigen Charakterkinos: Schwache Dialoge, stumpfe Rollen- und Sexualklischees und fehlende Dynamik, gerade angesichts der stolzen Laufzeit. Und das Drama überwiegt: der Sex erscheint nur punktuell, der visuelle Rausch bleibt beinahe vollständig aus. Für Noés Verhältnisse geht es gesittet zu, die Kamera bleibt still, statt Porno gibt es weich-expliziten Gefühlssex. Und an den kann man sich gewöhnen, an die fein komponierten Farben, Schatten und die tolle Musik – gerade der vermeintlich provokante Dreier zeigt sich als hochsensible Beobachtung körperlicher Gemeinsamkeit. Dieses Gespür für das Visuelle hebt Love hervor, ebenso auch die klug gesetzten Momente der Ratlosigkeit, die dem dominanten Proklamiergehabe des Protagonisten angenehm entlarvend gegenüberstehen. Denn nahe dem Void, den Grenzen des Erzählbaren, bleibt Noé weiterhin visionär. So ist auch Love eine formal teils interessante Antwort auf große Fragen, die ohne den inhaltlich halbgaren Brei aber weitaus besser funktioniert hätte.

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