Grenzspannungen des Irrealen

Wie bereits in meinem ersten Manifest dargelegt, interessieren mich abgeschiedene Fantasywelten nicht besonders. Mir kommt es auf die Mischung des Irrealen mit dem Realen an. Gerade hier verortet sich eine Problematik, die mich schon seit längerem beschäftigt. Zum Beispiel sehe ich mir immer wieder Filme an, die als absolut irre gesehen werden, bei mir aber kaum eine besondere Spannung auslösen, es entsteht eben nicht der surrealistische Funken zwischen zwei vollkommen getrennten, aber doch verbundenen Gegenständen, „wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont: Les Chants de Maldoror, 1868). Dabei ist es ganz einfach: Um etwas als besonders irre darzustellen, hilft es, das Irre gegen etwas Normales abzugrenzen. Schwarz sieht man am besten auf klarem Weiß.

Warum zum Beispiel irritiert Nikolaj Gogol mit seiner Erzählung Die Nase (1836) noch heute? Das liegt nicht bloß an den irrealen Ereignissen, sondern auch daran, wie unmittelbar und plötzlich diese dort in den Alltag eindringen. Ebenso verfährt David Lynch. Seine Szenarien sind daher so beunruhigend, weil sie sich in unseren Nachbarschaften abspielen, hinter den bekannten Fassaden. Das Irreale gewinnt eine subversive Kraft, da es eben nicht jenseits des Realen angesiedelt ist, sondern genau darunter, darin. Daher interessieren mich postmoderne Romane mit ihrer vollkommenen entgrenzten Wirklichkeit weit weniger als ein romantischer Roman, der zunächst herrlich geordnet, dann aber plötzlich sehr schräg wird. Wo beginnt der Wahn? Gerade an den Grenzen brennt die Unsicherheit, die Ungewissheit, denn dort kann sie an der Materie schaben.

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