Genreliebe #3 – Post-Punk

Und es geht generisch weiter! Nach dem bereits wenig konkreten Genrebegriff der Psychedelic bringe ich nun einen heutzutage mindestens ebenso inflationär gebrauchten Begriff in die Runde, den des Post-Punk! Immerhin – der Begriff scheint systematisch intuitiv greifbar. Es geht um eine Musik, die sich durch das Element „post-“ vom Punk abzugrenzen versucht. Aber wie nur? Und bei dieser Frage eröffnen sich gleich zu viele Möglichkeiten, man möchte am liebsten abbrechen: Art-Rock, Gothic-Rock, Neo-Psychedelia, Experimental Rock, New Wave, Synthpop, Alternative Rock, Shoegaze. Was weiß ich, was sich nicht alles aus dem Punk entwickelt hat oder sich von diesem abgrenzen wollte. Ich persönlich halte es recht einfach und berufe mich vor allem auf Gruppen, die an der Grenze des Punk standen, einer Bewegung, die per se immer auf Krawall, Grenzsprengung ausgelegt war und sich schließlich nur selbst zu zerstören brauchte.

Man muss sich große Post-Punk-Bands wie Joy Division, The Cure oder auch Siouxsie and the Banshees nur anhören, um die punkigen Elemente klar zu erkennen: Schnelles Drumming, akzentuierte, direkte Gitarrenarbeit und Lyrics jenseits jeder ausgreifend-pathetischen Geste, kurz Rock entgegen jedem effektschwangeren Bandprinzip, wie man es vom Progressive Rock der 70er kennt. Ein ordentlicher Schuss Subjektivität, von dem in keinster Weise durch fette Produktionsarbeit abgelenkt wurde. Das zeichnet viele Post-Punk-Bands dieser Zeit aus, purer Punk, aber auch gleich schon mehr: Denn die Lyrics graben sich aus der Subjektivität gleichzeitig tief ins Existentielle, ohne allerdings vom direkt-konfrontativen Ausdruck abzuweichen: „Existence, well, what does it matter / I exist on the best terms I can“ (Joy Division, „Heart and Soul“). Musik für die Straße, für das persönlich-weltumspannende Chaos aber ebenso. Subjektivität als Suche nach Sinn, Hoffnung, vielleicht sogar Tod. Und der Sound nahm, gerade durch die Synthesizer, schnell experimentellere Elemente auf, die vom simplen Moment des Punk fortführten ohne in großen Produktionsgelagen der Art Pink Floyd zu münden. Im Zentrum blieben immer Stimme, Gitarre, Bass, Drumming. Darum ergab sich aber ein Schleier aus Atmosphäre, Psychedelik, Wahn, Verfremdung.

Entsprechend konsequent entwickelt sich aus dieser Auseinandersetzung der Gothic-Rock, gerade bei den genannten Bands, aber auch der grenzfeindliche Hedonismus einer tanzenden Jugend. Gerade die basslines von Joy Division schufen den tanzbaren Vibe der partytauglichen Folgeband New Order. Man tanzte sich in tiefe Melancholie, düster, aber irgendwie auch befreit. Anders als im Progressive Rock waren Tiefsinnigkeit und Spontaneität keine Gegensätze mehr, sondern Mainstream geworden. Ich zumindest würde behaupten, dass tanzbar melancholische Musik, wie wir sie heute von vielen Bands kennen, ohne den Post-Punk so nicht existieren würde. Demnach wird meine Bandliste sowohl Klassiker als auch einen neueren Vertreter umfassen.

The Cure

Natürlich ist es ziemlich schwer noch irgendetwas zu dieser Band zu sagen, was nicht schon Floskel geworden ist. Man sollte eben immer wieder darauf aufmerksam machen, wie facettenreich The Cure ist. Ich vergleiche sie gern mit einer manisch-depressiven Person. Dies wird exemplarisch auf ihrem großartigen Album Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me deutlich. Das Album fängt mit dem atmosphärisch tiefen, musikalisch versponnenden „The Kiss“ an, wird mit „Catch“ dann aber plötzlich luftig, um nach dunkleren Tönen mit „Why Can’t I Be You?“ schließlich in den Funk-Bereich einzutreten. Dazu Robert Smith mit seinem immerwährenden Gothicgestrüpp auf dem Kopf. Nicht selten eine groteske Mischung, aber auch ein guter Beweis, wie sich Schwermütigkeit und Heiterkeit im Post-Punk vertragen. Anspieltipps sind „Fascination Street“, „Just Like Heaven“, „Hot Hot Hot!!!“, damit sind einige Facetten schon gut abgedeckt.

Joy Division

Fast ebenso bekannt wie The Cure, aufgrund ihrer krassen Mythenbildung und heftigen Abkehr von allen Heilsversprechen unter kritischen Hörern und vor allem Hipstern aber beliebter. Kultstatus und Hörbarkeit dürften in der Musikgeschichte aber selten weiter auseinanderliegen, denn abgesehen von ihrem einzigen Hit „Love Will Tear Us Apart“ sind Joy Division eher weniger hörerfreundlich. Zwar gelingt es ihnen durch das schnelle Drumming und den prägnanten Bass einige Tänzer abzuholen, ihre teils sehr dissonant-experimentellen und vor allem düsteren Songs, gerade auf dem Album Closer, dürften den Dancefloor aber schnell wieder leeren. Wer dann immer noch bleibt, den erwarten düstere Lyrics zwischen Konkretion und Mystifizierung, viele Referenzen, Tonexperimente und vor allem eine einnehmende Atmosphäre. Joy Division sind gerade für den Gothic-Rock wichtige Wegbereiter gewesen, durch ihre Grundsteinlegung für die Band New Order aber ebenso wichtig für den synthieverhangenen Dancefloor. Anspieltipps sind „Disorder“, „Shadowplay“ und das wunderschöne „Decades“.

Bauhaus

Immer noch kultig, aber jenseits der Indiezirkel schon deutlich unbekannter ist diese fast schon programmatische Gothic-Rock-Band. Hier geht es um Vampire, Killertechniken, Sex, Tod, Tod und Tod. So makaber die Themen, so grotesk-spielerisch ist der Umgang mit diesen. Das liegt nicht nur an der schnellen Spielart und den oft ironisch-surrealen Lyrics, sondern auch am ikonischen Sänger Peter Murphy, der mit seiner facettenreichen, aber immer angriffsseligen Stimme jeden Stoff aufregend gestalten kann. Heutzutage würde man ihn womöglich „Performer“ schimpfen. Aber Bauhaus sind einfach zu gewitzt, intelligent und vor allem subversiv, um klar kategorisiert zu werden. Kleinstädtertum, Smalltalk, natürlich die Kirche – all dies wird aufgeschlitzt und fratzenhaft entblößt – böse, aber vor allem spaßig. Gothic-Rock im Zeichen des Post-Punk, jenseits hohler Selbstmitleidsposen.

The Soft Moon

Zuletzt dann noch eine Band, die man nur in sehr kleinen Indiezirkeln kennen wird. Eine Band, die sich mit ein bisschen gothic nicht zufrieden gibt, stattdessen mit dunklen Soundeffekten arbeitet, die Tanzbarkeit aber immer wieder forciert. Luis Vasquez‘ Bandprojekt befindet sich zwischen Post-Punk, Darkwave, Psychedelic, kurz zwischen Rock und Elektronik, düster und psychedelisch. The Soft Moon ist sicher nicht immer leicht hörbar und mancher wird die dicken Synthieeffekte als „cheesy“ vielleicht verwerfen, eindringlich und intelligent sind ihre Songs aber auf jeden Fall. Für alle, die nach Alben wie Pornography und Closer noch ein paar Schritte tiefer gehen wollen. Anspieltipp ist der folgende Song, aber auch „Circles“ und das schöne „When It’s Over“.

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