Genreliebe #2 – Psychedelic

Dieses Mal nehme ich mir ein ziemlich breit gestecktes Genre vor, das der „Psychedelic“. Vorsicht aber, denn wenn man mit dem Begriff Psychedelic heutzutage in die Musik geht, trifft man meist auf Goa- oder Trance-Musik, worauf ich nur teilweise abziele. Eher geht es mir um die vielen musikalischen Facetten der Darstellung bewusstseinsfremder Zustände. Daher zunächst der allgemeine Begriff der Psychedelik, wobei der Fokus hier auf dem Rock liegt, der aber alle anderen Subgenres der Psychedelic begründet hat. Grundsätzlich ist herauszustellen, dass dem Musikgenre hier ein bestimmtes Kulturphänomen vorausgeht: Das des Drogenkonsums mit psychoaktivem Effekt. Die Musik gerät dabei als Ausdrucksmedium für die erlebten Zustände oder zumindest dem, was man sich darunter vorstellt.

Wie sicher bekannt, liegen die Wurzeln der musikalischen Psychedelik in den 60er-Jahren, in denen Acid (= LSD) die absolute Modedroge war. Gerade da psychoaktive Drogen im Gegensatz zu weicheren Drogen wie Gras die Wahrnehmung gänzlich umgestalteten, war ein quasi surrealer Erlebniszustand möglich, ergo jede Menge schöpferisches Potential vorhanden. Warum also nicht musizieren? Einige populäre Bands kommen einem sofort in den Sinn: The Beatles, The Byrds, Jefferson Airplane, The Jimi Hendrix Experience, The Doors, Pink Floyd. Schnell war der Psychedelic Rock in aller Munde und absolut salonfähig. Wer Rock machte, machte es auch gerne mal psychedelisch. So erklären sich auch Seitensprünge genrefremder Bands wie The Rolling Stones (Their Satanic Majesties Request; 1967), Led Zeppelin (divers, etwa in „Whole Lotta Love“; 1976) oder Deep Purple (v.a. Frühwerk). It was cool. Und da eh jeder Rocker lifestylegerecht Drogen nahm, bot es sich ja an.

Der Psychedelic Rock zeichnet sich vor allem durch Verfremdung der beibehaltenen Rockstrukturen aus. Man kennt es ja: Wah-Wah-Pedale, Fuzzeffekte auf der Gitarre, rückwärtslaufende Gitarrenspuren und bisweilen einiges Geblubber. Auf gesamtkünstlerischer Ebene ging es vor allem um die hippieske Verklärung der Welt zu einer fernöstlich-inspirierten seelennahen Vorstellung hin. Da diese Trademarks überall angewendet wurden, sind gerade jene Bands interessant, die das Psychedelische über das rein Effektreiche getrieben haben. Kurz: Jene, die im Dauerexperiment experimentell wurden. Herausragend ist hierbei das Genre des Krautrock (ähnlich dem Space-Rock), das im Deutschland der 1970er-Jahre vor allem durch die Bands Can und Neu! etabliert wurde. Hier wurden die bekannten Rockstrukturen zugunsten jazzartiger Improvisationen und abartiger Klangexperimente (Tago Mago; 1971) erweitert. Gleichzeitig wurde das ganze durch die unglaublich kühl-mechanischen Schlagzeugbeats zum Vorläufer der elektronischen Musik. Kraftwerk konnten hier sinnvoll ansetzen und das ganze weitertreiben.

Zur 1980er-Wende, als der Post-Punk mit Bands wie Joy Division, The Cure und Siouxsie and the Banshees in England groß wurde, kam auch der Psychedelic eine zentrale Stellung zu. Nun aber weniger innerhalb fernöstlicher Verklärung der Realität, sondern eher zu Darstellung surrealer Zustände voller irrationaler Impulse. Gerade Siouxsie and the Banshees prägten mit ihrer prototypischen goth-Ästhetik eine Psychedelic, die vor allem düster, sexuell und fetischhaft über die Realität ging, sur-real gleichermaßen aber an dieser haften blieb. Industrialbands wie Throbbing Gristle oder Suicide griffen solche Annäherungen ebenfalls auf und verschärften sie noch. Der pure Horror als Wahn des verlorenen Bewusstseins. Die Hippiezeit hatte hier ein deutliches Ende gefunden, ihr Erbe blieb aber.

Der eher träumerische Shoegaze der 90er-Jahre griff dann die schlafnahe Komponente der Psychedelic als verwaschenen Wahrnehmungszustand auf. Psychedelic goes soft, wenngleich mit noch mehr Effektchaos versinnbildlicht. Die Techno-Bewegung nahm sich ähnlichen Zielen an, auch ihr ging es im Rahmen des Trance, oder auch Goa darum, monoton-trippige Wiederholungen zugunsten einer rituellen Überformung der Wahrnehmung einzusetzen. Alles natürlich tanzbar. Gerade hier lässt sich der Einfluss des Krautrock deutlich beobachten, inklusive dessen speziell psychedelischer Ziele. Ebenfalls im Kontext ist der Stoner Rock zu nennen, der ähnlich monoton, aber dafür mit schweren Gitarren bewusstseinsfremde Zustände einzubrennen sucht. Alles blieb ein bisschen im Zeichen der 80er-Düsternis, nahm aber auch wieder friedliche Impulse auf. So sind einige Stoner Bands und auch die Goa-Bewegung auf chillige Besinnung aus.

Seit den frühen 2010er-Jahren ist ein Psychedelic-Revival zu beobachten. Neben dem Dauerbrenner der psychedelischen Tanzmusik hat vor allem die australische Psychedelik um die gefeierte Band Tame Impala einen Boom der Szene herbeigeführt. Hauptmerkmal ist ein hipper, luftiger Klang, der sich jedoch immer wieder in trippigen Strukturen verliert. Bekannte Bands sind etwa Pond, Unknown Mortal Orchestra, Melody’s Echo Chamber, Temples.

The United States of America

Als ersten 60er-Psych-Tipp erspare ich mir die bekannten Gesichter und weiche auch der Versuchung aus, die ebenfalls spannenden Garagenrocker der 13th Floor Elevators zu wählen und greife auf den experimentellen Pop der Vereinigten Staaten zurück. Der Name verwundert natürlich, gerade für eine merkwürdige Nischenband. Beim Hören ihres einzigen, gleichnamigen Albums (1968) wird jedoch klar, dass die Namensgebung pure Subversion ist. Was die Band fabriziert ist ein enorm abgefahrener Angriff auf die Strukturen des Finanzbürgertums, Patriotismus und  überhaupt die westliche Mentalität. Stattdessen werden linke Heroen wie Ché besungen, japanischen Figuren gehuldigt und vor allem hemmungslose Psychedelik betrieben. Wie die Beatles in „Revolution 9“ nutzen die States Samples, verfremden diese, treiben sie anders als die Beatles aber merkwürdigen Songstrukturen zu. Das macht die Band insgesamt gut hörbar, aber in ihrer Spannung zwischen Realität der Samples und Experiment enorm surreal und führt, in meinen Ohren, zur stärksten psychedelischen Erfahrung unter den 60er-Bands. Anspieltipp sind das eingängige „The Garden Of Earthly Delights“, das noisige (!) „Hard Coming Love“ und das bitterbös sarkastische „I Won’t Leave My Wooden Wife For You, Sugar“ (exemplarisch für die kritische Haltung der Band). Die Nachfolgeband des Bandleaders Joe Byrd Joe Byrd And The Field Hippies macht auf ähnlich Art weiter, wenngleich etwas konzeptueller und mit weniger Rock als mit Zitaten.

Can

Can müssen sein, denn ihr enormer Einfluss auf die Musikgeschichte ab 1971 ist kaum zu übersehen. Von den Buzzcocks bis zu Radiohead berufen sich Bands verschiedener Genres auf die Wegbereiter der elektronischen Musik. Aber auch jenseits historischer Fakten ist die Musik sehr gut hörbar. Auf Tago Mago entfesseln Can einen irren Trip zwischen Psychedelic Rock und absolutem Klangexperiment. Dass die Musik dabei größtenteils (!) noch konsumierbar ist, ist vor allem dem steten Schlagzeugbeat im Hintergrund zu verdanken. Gerade auf Ege Bamyasi (1972) kommt der noch deutlicher heraus, daher ist das Album als Einstiegstipp sehr zu empfehlen. Songtipps sind „Mushroom“, „Pinch“ und das eingängige „Vitamin C“.

Siouxsie and the Banshees

Siouxsie and the Banshees sind, wie gesagt, primär weniger Psychedelic als als eher der Post-Punk-Bewegung zuzuordnen. Trotzdem hat die Band gerade in ihrer Gothic-Phase (ab Juju; 1981) enorme psychedelische Einflüsse. Gerade mit ihrem großartigen, aber etwas vernachlässigten A Kiss in the Dreamhouse (1982) entsteht ein hochprovokant sexuelles Werk, das immer wieder hart an der Grenze zum Wahnsinn steht („Obsession“). So explizit die Lyrics („lace, blood and sperm“) teils sind, so verträumt und abgedriftet sind die Arrangements. Allein der Opener „Cascades“ zeigt mit seinen wabernden Gitarrenklängen, dass hier ordentlich bewusstseinsfern dem Sex gehuldigt wird. Daran lässt spätestens Siouxsies Stimme (Nina Hagens großes Vorbild) keinen Zweifel. Der Track „Slowdive“ inspirierte die entspreche Shogazeband zu ihrem Namen. Anspieltipps sind „Cascades“, das träumerische „Melt!“ und das flotte „Painted Bird“.

Bardo Pond

Als letzte Psychedelic Rock-Band empfehle ich Bardo Pond. Mit deutlichen Stoner-Einflüssen und entsprechend bekifft leiernden Vocals driftet den Band von melancholischen, shoegazigen Klangflächen zu schweren Gitarrengewittern, immer in Konfrontation mit den Hörgewohnheiten. Ihr Album Dilate (2001) zeigt die volle Spanne und kann als echter Trip tatsächlich komplett durchgehört werden.

Panda Bear

Das Animal Collective-Mitglied Panda Bear hat schon so einiges solo veröffentlicht. Im Gegensatz zum wilden Bandsound geht er weitaus entspannter zur Sache. Er kreiert aus Wiederholungen, Samples dicke Klangstücke, die teils 13 Minuten lang sind, aber nie an Struktur und Eindringlichkeit verlieren. Für mich pure Wassermusik, die direkt mitzieht. Als Kompletthörtipp ist sein wohl bekanntestes Album Person Pitch (2007) sehr zu empfehlen.

Gonjasufi

Zuletzt eine Empfehlung aus dem psychedelischen Hip-Hop! Gonjasufi, ein islamischer Mystiker und Psychonaut, der irgendwo im amerikanischen Nirgendwo den Beat entdeckt hat und seine Vorstellung in Musik gießt. Entsprechend divers und irre klingt seine Kunst auch, die zwischen Hip-Hop, Soul, chilliger Elektronik, (Punk-)Rock und Klangexperiment hin- und her geistert. Außerordentlich daneben und außerordentlich belebend. Anspieltipps sind die ersten drei Tracks auf seinem Debüt A Sufi and a Killer (2010) und dann auf demselben Album „Candylane“, das wunderbar groovt.

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