Genreliebe #1 – Noise Rock und Shoegaze

Mit der Artikelreihe Genreliebe möchte ich eine kleine Rundschau über meine liebsten Bands geben. Natürlich mit Hintergedanken: Den guten Geschmack will ich weitertragen! Am besten geht das natürlich durch Einfühlung. Um dafür eine gute Basis zu schaffen, möchte ich nicht bloß Songs posten, sondern über verschiedene Genres auch ein paar Hintergründe und mein Interesse am Genre überhaupt vermitteln. Bloguntypisch wird dabei eher beschreibend vorgegangen, zudem wird auch relativ fassbare, „normale“ Musik besprochen. Jedoch bleibt diese in deutlicher Minderheit. Auch mein Hörvergnügen bleibt ein seltsames. Fangen wir also mit Noise Rock und Shoegaze an.

Noise Rock und Shoegaze nehme ich daher zusammen, weil letzteres von erstem sehr profitiert hat. Dabei ist ein Name unverzichtbar: The Jesus and Mary Chain. 1985, inmitten aller elektronischen Popseligkeit (Tears for Fears, aha, Modern Talking) kehrt plötzlich der bis dato vernachlässigte Gitarrenrock zurück. Und als wolle er sich für die Vernachlässigung rächen, holt er sich kreischende Gitarren, pures Feedback, und zerschreddert den zugrundeliegenden Pop zu Hymnen einer kaputten, aber kraftvollen Jugend. Life & Death. Purer Rock’n’roll also, in seiner Stoßrichtung aber gefährlich progressiv, da ohne Rücksicht auf Konsumierbarkeit.

Ende der 80er-Jahre orientierte sich eine experimentierfreundige irische Band an den Begründern des Noise Rock: My Bloody Valentine. Auf ihrem opus magnum Loveless (1991) vereinten sie Lärmkaskaden mit zarten Melodiefragmenten zu betäubend schönen Klangteppichen. Shoegaze – Musiker, die auf ihre Schuhe starren, um das Chaos an Effektgeräten überblicken zu können, um das Noisechaos zu kontrollieren, schön werden zu lassen.
Wall-of-Sound, enorme Verzerrung, Feedback – wie bei JMC war dieser Lärm niemals mainstreamtauglich, da fast schon physisch schmerzhaft. Bands wie Lush, Ride oder Slowdive folgten, setzten aber immer wieder neue Akzente, niemand aber wurde so radikal wie die Iren.
Bis heute ist der Shoegaze präsent. Vor allem als Teil des Sounds, etwa bei Bands wie Deerhunter, The Soft Moon oder, bekannter, The Verve. Das Genre des Drone, das vollständig auf Gitarrenfeedback zurückgreift, verdankt dem Shoegaze zudem viele Impulse. Pure Shoegaze-Bands sind rar und Untergrunderscheinungen – also neues Futter für die Hipster. Apropos Hipster: Der Film Lost in Translation (2003) brachte ein kleines Shoegaze-Revival zustande. Die wunderschönen und auch gut hörbaren Songs „Just Like Honey“ (JMC) und „Sometimes“ (MBV) brachten viele hippe Indiehörer auf die richtige Spur.

Im Folgenden möchte ich kurz ein paar meiner Lieblinge aus dem Genre vorstellen. Kleine Hörtipps gibts direkt dazu. Am Ende wartet dann ein Song von My Bloody Valentine, der sowohl Shoegaze als auch tanzbar ist.

The Jesus and Mary Chain

Viel zu sagen gibt es hier nicht mehr: Popharmonien treffen auf kreischendes Gitarrenfeedback. Eine merkwürdige Mischung, die ins Blut geht und für mich die konsequente Weiterentwicklung des Rock’n’Roll bedeutet: Wilder & lauter.
Als Albenempfehlung kann ich leider nur ihr Debüt Psychocandy nennen, alle anderen Alben nähern sich zunehmend einem netten, aber belanglosen Alternative Rock – ein Phänomen, das auch viele Shoegaze-Bands betrifft. Wundervolle Anspieltipps sind „Just Like Honey“, „The Hardest Walk“ und dann als Annäherung an den Noise „You Trip Me Up“.

Slowdive

Wird wie MBV auch als Shoegaze bezeichnet, klingt aber vollkommen anders. Statt Lärmkaskaden sind es hier melancholische Klangteppiche über denen die klagenden Stimmen Rachel Goswells und Neil Halsteads gleiten, in großartiger Verbindung. Manchmal bricht das Gitarrenfeedback durch die Songs, vor allem ist es aber die psychedelische Gitarrenverzerrung, die den Songs einen irreal-wundervollen Zauber gibt. Ideal zum Einstieg ins Genre. Ihr Hauptwerk Souvlaki kann man direkt durchhören – geht wie ein Wasserfall über den Kopf, fast reinigend.

My Bloody Valentine

Auch hier wurde schon das Wesentliche genannt. Als Einstieg schwierig, da ziemlich far-off. Reinhören lohnt sich aber immer, am besten mit ihrem Song „Sometimes“ und dem unten aufgeführten „Soon“. 2013 haben sie nach 22 (!) Jahren überraschend ein neues Album veröffentlicht, das schlicht als MBV betitelt ist und den Loveless-Sound mit einiger Elektronik konsequent in die Gegenwart versetzt.

Ride

Deutlich näher am Alternative Rock als die vorherigen geht es hier noisig, gleichzeitig aber auch direkter zu. Viel Gitarrenfeedback, melancholische Vocals und ein großartiges Drumming machen die Band gerade für Freunde des harten Rock interessant. Gleichzeitig sind die Klangkaskaden unglaublich fein und kunstvoll arrangiert, sodass schließlich für jeden etwas dabei ist. Anspruch und Hörbarkeit sind hier genial vereint. Das einzig reine Shoegaze-Album ist Nowhere, dann gehts wie bei JMC sukzessive in den blanken Alternative Rock. Anspieltipps sind das wundervolle „Vapour Trail“ und das feedbackselige „Seagull“.

The Horrors

Eigentlich viel zu bunt, um an irgendein Genre herangeführt zu werden. Andererseits ist der Shoegaze eben auch genau das: Offen für alles. Ursprünglich eine gothic-garage-Band, die sehr an Nick Caves The Birthday Party erinnert, werden The Horrors auf ihrem zweiten Album Primary Colours zunehmend träumerischer und hüllen sich in einen warmen Noisemantel. Gerade der Song „Mirror’s Image“ zeigt mit seinen leiernden Gitarrenspuren eine unüberhörbare Verwandtschaft zu MBV. Aber auch sonst wird wie wild zitiert: The Cure, Joy Division, Siuouxsie and the Banshees, Krautrock und eben viel Shoegaze. Gemeinsam bleibt den Songs eine hochpsychedelische Note. Die Nachfolgealben wirken irgendwie überambitioniert und ziellos, daher lieber zu den Primärfarben greifen. Gute Einstiegsongs sind neben dem genannten „Scarlet Fields“ und „Who Can Say“.

A Place to Bury Strangers

Zum Ende hin möchte ich wieder zum Anfang zurückkehren, zum Noise Rock. Hier schlägt er seine Brücke zum Shoegaze, denn anders als JMC setzen A Place to Bury Strangers auf düstere bis melancholische Stimmungen, die sie hemmungslos durch brutale Noise-Attacken untermalen oder aber unterbrechen. Das Pop-Appel bleibt hier eher niedrig. Trotzdem sind die Songs sehr direkt und in ihrer Struktur deutlich weniger komplex als die typischer Shoegaze-Bands. Gerade auf Worship bandelt die Band mehrmals mit dem New Wave an – mit den Songs „Worship“, „Dissolved“ und natürlich „You Are the One“ ein gutes Einstiegsalbum: Schnell, hart und melodiös. Danach dann Exploding Head, der Titel sagt alles.

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12 Gedanken zu “Genreliebe #1 – Noise Rock und Shoegaze

    • Weiß nicht so recht. Teilweise doch etwas zu schwülstig, während mir auf „Primary Colours“ gerade diese ausgewogene Mischung aus klarem, oft tanzbaren Rhythmus und psychedelischen Klangflächen (typisch Post-Punk) gefallen hat. Bin da noch nicht recht durchgestiegen und daher auch nicht ganz firm mit der Materie. Wie stehts denn bei dir so? Einhörtipps und Anregungen nehme ich immer gern entgegen.
      Btw. sehr schön, dass du nicht nur meinem Blog folgst, sondern dich hier auch so kundig umsiehst!

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      • Ich muss gestehen, dass mir damals schon mit „Primary Colours“ der Stilwechsel etwas abrupt kam. Mochte den Sound und die Optik damals sehr. Ich konnte mich dann aber doch sehr schnell in das Zweitlingswerk verlieben. Mit dem dritten und vierten Album hatte ich danach aber sehr große Probleme, wobei es von Jahr zu Jahr besser wird. Schwülstig trifft es ganz gut. Es ist alles eine verwaschene, ausdruckslose Suppe. Wobei ich sagen muss, dass ich mich oft mit reinen Psychedelicklängen schwer tue, wenn sie nicht verdammt rocken. Da haue ich mir lieber ne Jesus & Mary Chain auf den Plattenteller als so träumerisches Langeweilegedudel. Ich schaue zuhause mal welche Songs der Alben es auf meinen MP3-Player geschafft haben und poste sie dann noch. Vielleicht hast du ja dann die musikalische Erleuchtung.

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      • Würde mich sehr interessieren!
        Finde allzu rhythmuslose Psychedelia auch eher schwierig. Gibt natürlich löbliche Ausnahmen, aber manchmal wirds dann doch zur Blubberblase.

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