Physisches Kino ODER Warum muss das gezeigt werden?

Gerade aktuell: Splatter im Tatort. Es wird geschossen und es wird getroffen, Getroffenes zerfetzt es und das Hirn spritzt. Bei Kleist sprützte es noch und vielleicht hielt man sich schon da die Hände vors Gesicht, wollte das lieber nicht gelesen haben. Nun ist aber beides passiert und man ist schockiert. Warum muss das gezeigt werden?

Das Kino als visuelles Medium ermöglicht auf greifbarer Ebene so einiges. Es verwundert ja eigentlich nicht, dass Pasolini 1975 Marquis de Sades abartiges Lustwerk Les 120 Journées de Sodome ou L’Ecole du Libertinage (1785) verfilmte: Wer die Gesellschaft bewegen will, muss nur deren Grenzen berühren, packen am besten. Und das will man ja nicht sehen: Folter, Blut, Scheiße, Mord. Also macht Pasolini das. Vermutlich wurde er auch deshalb kurz darauf ermordert.
Aber warum musste das alles überhaupt passieren? Warum muss man diese Grenzen denn versuchen? Etwa nur, weil es möglich ist, weil das Kino es kann?

Ja, würde ich darauf antworten. Das Kino kann das und es kann das auf unvergleichliche Art. Indem man die Gewalt nicht nur andeutet, sondern tatsächlich zeigt, forciert man deren unabdingbare Physis. Eine solche ist in Form der Andeutung nur schwer zu bekommen. Und tatsächlich liegt das Traumatische, Bohrende der Gewalt im Körperlichen, Nachfühlbaren. Schwer möglich diese Form der Empathie durch Implikationen zu erreichen. Das Kino begibt sich hier natürlich auf gefährliches Terrain, da es die altbewährte Form der reflektierten Identifikation zugunsten einer unmittelbaren Schockindentifikation aufgibt und sich dem Urteil, dies sei bloß dummer Selbstzweck, öffnet. Um dem zu entgehen muss immer auch die große Frage folgen: Warum muss der Film hier physisch werden? Warum muss das gezeigt werden?
Ansonsten bleibt das Physische Kino nur ein aufregendes, möglicherweise auch großartiges Erlebnis. Weil es das Wesen seines Gegenstandes kongenial trifft.

Filmempfehlungen: Salò o le 120 giornate di Sodoma (Pier Paolo Pasolini), Irréversible (Gaspar Noé), À l’intérieur (Alexandre Bustillo / Julien Maury)

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