Matteo Garrone – The Tale of Tales (2015)

Die archaische Schönheit eines Il racconto dei racconti wird man im heutigen (Kunst-)Kino vergeblich suchen. Denn der Film ist im rückläufigsten Sinne zeitgemäß – er scheint getreu seiner Vorlage dem Geist einer vergangenen, fremden Epoche verhaftet.

Matteo Garrones Werk nimmt sich Zeit, verzichtet auf ordnende autoriale Kommentare, konfrontiert den Zuschauer mit einem Reigen dekadent-verschrobener, mitunter grotesker Bilder. Es geht um sagenhafte Märchen, um alte Frauen, die wieder jung werden, um Monster und Zwillinge. Psychologie, Logik und was nicht alles als wichtig für einen packenden Streifen gesehen wird bleiben dabei meist am Rande, eben zugunsten plötzlicher Einfälle, die nicht selten in dunkler Färbung erscheinen. Die Handlung kreist um diese Momente und zeigt selten die Kraft, wirklich treibend nach vorne zu gehen. Die Gelassenheit des Films nötigt dem Zuschauer nicht selten Atem ab.

Klassisch archetypisch treten die Charaktere auf, gleichzeitig aber jenseits bekannter Wertmaßstäbe und so nur schwerlich moralisch fassbar. Eher durchzieht sie alle eine stumme Verzweiflung, an der ein heutiger Zuschauer nur selten, wie Falle des verschleppten Mädchens, wirklich teilhaben kann. Meist bleiben die Charaktere ferne Figuren, die in verschlüsselten Bildern irrationale Handlungen begehen. So erstaunt das Märchen der Märchen vor allem in seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Betrachter.
Denn das bleibt selten bis beinahe einmalig: Großartige, entgegenragende Bilder und ein vollkommen verloren dahintreibender Film. Anstrengend wundervoll.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s