Tendenz zur Schräge

Freunde des schrägen und experimentellen Films haben nun viele Kinobesuche vor sich. Zunächst einmal gibt es mit Victoria endlich wieder einen deutschen Film zu bestaunen, der nicht auf ewiggleiche Erzählmuster zurückgreift oder diese nur leicht variiert. Vielmehr gibt es mit Schippers Produktion ein unübersehbares Formexperiment im Breitwandformat, einen feinen Radikalschlag. Auch wenn der Film handlungstechnisch hinter seinem visuellen Anspruch zurückbleibt (umgekehrte Problematik), kann man sich doch darüber freuen. Hier sind auch international Maßstäbe gelegt. Nicht einmal Iñárritu mit seinem Birdman war soweit gegangen, eine einzige Kameraeinstellung zu feiern.

Dann gibt es passenderweise einen quasi dokumentarischen Rückblick auf die Zeiten, in denen Deutschland nicht durch die filmtheoretische, sondern die lebensechte Berliner Schule geprägt, nämlich Kulminationspunkt international-experimenteller Kunst war und das gleichzeitig noch im popkulturellem Kontext mit entsprechender Flächenwirkung. B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin referiert nicht nur per Titel auf ein Filmgenre, das als solches in Deutschland eigentlich gar keinen Bestand hat, sondern grätscht mit seinem internationalen Fokus auch überhaupt entgegen jeder ästhetischen Kategorisierung der Kunst anhand deren Nationalität. B-Movie above it all.

Genreselig werden auch im Nachbarland Österreich einige Wagnisse eingegangen. Ich seh, Ich seh begnügt sich aber nicht nur damit, selbstbewusst auf das Horrorgenre zurückzugreifen, sondern transzendiert es auch gleichermaßen, indem er einen deutlichen Kunstfilmfokus setzt, oder in kurz: Seit wann gab es zuletzt so stilisiert-schöne Bilder in einem Horrorstreifen zu sehen? Parallelen zum spannenden Der Samurai darf man bei so einer Genremalerei gerne sehen, das zerfließende Bild macht neugierig.

Und schließlich ist auch das amerikanische Kino endlich wieder auf abwegigen Pfaden. Ryan Goslings Lost River ist zwar kein guter Film, setzt seine unaufgelösten Spannungen und Paradoxien aber auf wunderbar naive Weise gegen die hollywoodfade Gleichmacherei vieler Drehbücher, die ihren Niederschlag regelmäßig auch auf Indieproduktionen zeitigen. Formexperimente sind international selten geworden und da sind Goslings Ambitionen nur sehr erwünscht. Man darf nie vergessen, dass es auch mal einen David Lynch im Kino gab.

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2 Gedanken zu “Tendenz zur Schräge

    • Ja, ein bisschen billig kommt mir der Eintrag schon vor. Tatsächlich habe ich nämlich weder den „Lust and Sound“ noch den „Ich seh, Ich seh“ angesehen. Beide versprechen aber viel, auch will ich beide definitiv noch gucken. Von demher hoffe ich einfach mal, dass meine Vorhersage hier eintrifft. 😀

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